Ljuba Androssowa: Der Tod einer Zwangsarbeiterin

Ljuba Androssowa kam mit 29 Jahren als Zwangsarbeiterin nach Hamburg. Sie war am 15.9.1913 als Tochter von Pawel und Anastasija Androssow in Taganrog bei Rostow in der damaligen Sowjetunion geboren worden. Sie wurde Telefonistin und heiratete, behielt aber offenbar ihren Mädchennamen bei.

 

Am 28. Mai 1943 wurde sie zusammen mit 24 weiteren Ostarbeiterinnen in der Firma J.H.C. Karstadt in Hamburg-Billbrook eingesetzt, wo zu dem Zeitpunkt bereits je vier Zivilarbeiter und Zivilarbeiterinnen aus europäischen Ländern beschäftigt waren. Bei dem Betrieb handelte es sich um eine alteingesessene Färberei, Wäscherei und chemische Reinigung, die per 20. Mai 1939 durch Übertragung der Geschäftsanteile an Hermann Friedrich Schneider aus Pinneberg „arisiert“ worden war. Der enteignete Besitzer Theodor Tuch war am 19. Juli 1942 zusammen mit seiner Ehefrau Clara, geb. Levie, nach Theresienstadt und zwei Monate später in das Vernichtungslager Treblinka deportiert worden. Auf dem Firmengelände am Billbrookdeich 49 bestand ein Lager für Zwangsarbeiter bzw. -arbeiterinnen mit der Bezeichnung „russisches Lager Hamburg 48, Billbrookdeich 49“, das mit der Entlassung der verbliebenen Zwangsbeschäftigten am 1. Mai 1945 aufgelöst wurde.

 

Ljuba Androssowa erkrankte an einer Depression, die einen stationären Aufenthalt in der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn notwendig machte. Ein Dr. J. Wehnert (aus Hohenfelde, Steinhauerdamm 13) wies sie ein, am 22. Juni 1943 wurde sie auf der II. Frauenstation unter der Leitung von Prof. Dr. Heinrich aufgenommen und in Haus 9 auf der Frauenseite der Anstalt untergebracht.

 

Bei der Erhebung der Anamnese half ein Dolmetscher. Gemäß dem Protokoll gab Ljuba Androssowa „geordnete Auskunft“, nannte ihren Beruf und gab an, in Russland schon einmal geistig krank gewesen zu sein. Sie machte bei der Aufnahme einen depressiven Eindruck, war aber zugleich unruhig und griff sogar Schwestern an. Innerhalb der folgenden drei Tage wurde sie ruhiger, nahm selbstverständlich an den Mahlzeiten teil, blieb jedoch abweisend.

 

Ob routinemäßig oder aufgrund von Krankheitsanzeichen, geht aus der Akte nicht hervor, wurde Ljuba Androssowa auf Syphilis hin untersucht. Das Ergebnis der serologischen Tests war uneindeutig, weshalb eine Wiederholung empfohlen wurde. Diese fand am 6. Juli 1943 statt und brachte wiederum kein eindeutiges Ergebnis, doch überwog der Verdacht, dass eine Erkrankung vorliege. Eine erneute Wiederholung ist nicht dokumentiert.

 

Acht Wochen nach ihrer Aufnahme in der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn, am 19. August 1943, wurde Ljuba Andorossowa „wegen Luftangriffen“ in die Heil- und Pflegeanstalt Meseritz verlegt. Vom 25. Juli bis 3. August 1943 hatte Hamburg die schwersten Angriffe des Krieges seitens der alliierten Luftwaffe erlebt mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung.

 

Die Heilanstalt Meseritz-Obrawalde in Pommern war eine psychiatrische Anstalt, die in den Dienst der Euthanasie gestellt worden war. Kranke aus dem Reichsgebiet und aus dem Ausland wurden bis zur Befreiung durch die Rote Armee dorthin verlegt und ermordet, wenn sie aufsässig oder nicht arbeitsfähig waren. Mit einem Transport von 57 Personen, 39 Frauen und 18 Männer, kam Ljuba Androssowa am 20. August 1943 dort an. Zweieinhalb Wochen nach ihrer Ankunft, am 6. September 1943, wurde in ihrer Krankengeschichte fest gehalten, sie sei depressiv, weine viel, spreche wenig, verstehe aber etwas Deutsch.

 

Zwei Tage später wurde Ljuba Androssowa mittels eines Dolmetschers durch einen Pfleger mit Namen Hinz befragt. Sie gab nur wenig Auskunft, beantwortete die meisten Fragen mit „ich weiß nicht“. Auf die Frage nach ihrem Alter gab sie „22 Jahre“ an, wusste also ihr Geburtsdatum nicht oder wollte es nicht nennen. Ob sie die Frage nach ihrer Berufstätigkeit richtig beantwortete, lässt sich nicht überprüfen. Sie gab an, sie sei in Bannovskij (am Donezk in der heutigen Ukraine) als Telegrafistin tätig gewesen. Wie es in ihren Papieren stand, bestätigte sie, dass sie verheiratet sei und fügte hinzu, sie habe aber keine Kinder. Wo sich der Mann befinde, wisse sie nicht. Weswegen sie hier sei, beantwortete sie mit „man habe gesagt, ich solle hier arbeiten“, wofür, wisse sie nicht. Auf die Frage, weshalb sie nach Hamburg gekommen sei, antwortete sie „allein hingefahren“. Die Nachfrage, wieso allein nach Hamburg, beantwortete sie mit „weiß nicht“. Die Frage, ob sie in Russland schon in einer Anstalt gewesen sei, beantwortete sie gar nicht. Sie habe still da gesessen, sei sauber, beklage sich aber.

 

Über die folgenden zwei Monate ist nichts bekannt. Am 7. November 1943 wurden „Unruhezustände“ notiert und die Verlegung nach Haus 9 verfügt. Dort starb Ljuba Androssowa am 25. November 1943 angeblich an einer Lungenentzündung.

 

 



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