Die Wahrheit über „Adlershorst“

Günther Mörcke, der damals die achte Klasse der Schiffbeker Mittelschule besuchte, schreibt in seinem Aufsatz mit dem Titel „Häuser und Männer aus Billstedts Vergangenheit“, der auch den Louisenhof, den Schleemer Hof und die Druckerei von Hermann Heinrich Holle behandelt, über das „Fiedlersche Haus“:

  

„Allen Billstedtern bekannt ist wohl das ‚Fiedlersche Haus‘. Es liegt bei der Endstation der Straßenbahn, von Billstedt gesehen auf der rechten Seite. Es ist etwas in den Hintergrund gebaut und wird dadurch kaum beachtet. Es sieht auch nicht mehr schön aus. Seine einst wohl gelbe Farbe, vom Staub der Zeit grau geworden, blättert ab, und die Mauern werden morsch. Einige rankende Sträucher wachsen noch daran hoch. In der Mitte der Frontseite ist eine Glasveranda mit dem Haupteingang, welche besonders umrankt ist. So liegt es da. Es ist sehr unansehnlich geworden in der langen Zeit. Das heißt, besonders hübsch hat es früher bestimt auch nicht ausgesehen. Es ist nur ein ganz einfacher, schlichter Bau. Und doch hat in ihm ein von seinen Zeitgenossen sehr geachteter Mann gelebt. Christian Wilhelm Fritzsche war es, der darinnen wohnte. Er wurde im Jahre 1695 in Sachsen geboren. Er nahm sich schon früh vor, Kupferstecher zu werden, und frühzeitig erhielt er auch seine Ausbildung bei dem Kupferstechermeister Berningeroth in Leipzig. Später kam er auf Anraten eines Landsmannes, des Malers Joh. Salom. Wahl, nach Hamburg. Er kam dann in den Dienst des Herzogs von Holstein-Gottorp. Fritzsche wohnte in diesem ‚Fiedlerschen Haus‘, das aber zu der Zeit noch nicht so hieß, und führte dort seine Arbeiten für den Herzog aus. Er stellte hauptsächlich Prospekte her. In seinem Leben als Kupferstecher schuf er mehr als 200 Kupferstiche. 1769 starb er im Alter von 74 Jahren, er arbeitete bis kurz vor seinem Tode. Er bekam von seinem Herrn, dem Herzog, auch einen sehr langen, unverständlichen Titel, der hier aber nichts zur Sache tut. Später kaufte ein Herr Fiedler das Haus und gründete dort ein Jungen-Institut. Nach diesem Herrn hat das Haus seinen Namen bekommen, den es noch heute hat, und den es so lange behalten wird, wie es steht. Wenn auch später die Zusammenhänge verdunkelt sind und keiner mehr über den Ursprung des Namens Bescheid weiß, wird man es doch bestimmt immer das ‚Fiedlersche Haus‘ nennen.“

 

Zugleich hat er diesem Text ein Foto des „Fiedlerschen Hauses“ beigegeben. Und da dieses Gebäude weitestgehend identisch ist mit dem auf den Bildern von Julius Gottheil, kann man nun mit Gewissheit sagen, dass das „Fiedlersche Haus“, und nicht das Gebäude in der Billstedter Hauptstraße 114, „Adlershorst“ gewesen ist.

 

Das von Mörcke erwähnte Jungen-Institut wurde dort im Jahr 1802 eröffnet und bestand noch zu Beginn der 1850er Jahre. Vermutlich handelte es sich bei ihm um eine Erziehungsanstalt wie das Rauhe Haus, das der Theologe Johann Hinrich Wichern im Jahr 1833 im benachbarten Hamburger Stadtteil Horn eröffnete und das dazu dienen sollte, Kinder und Jugendliche aus den Elendsvierteln der Hansestadt zu retten. Bald darauf dürfte die Einrichtung von Fiedler geschlossen worden und das Haus an die Vorfahren von Frau Bieler verkauft worden sein, die uns auf die Bilder von Julius Gottheil aufmerksam gemacht hatte. Dieser lebte von 1850 bis 1863 in Hamburg und fertigte in dieser Zeit zahlreiche Ansichten der Hansestadt, ihrer Umgebung und Norddeutschlands an. Mit der einsetzenden Industrialisierung am Unterlauf der Bille wird das Umfeld von „Adlershorst“ dann zunehmend unattraktiver geworden sein und es seinen Reiz als Landsitz vor den Toren der Stadt verloren haben. Vermutlich erklärt dies den schlechten Zustand, den Mörcke in seinem Text schildert.

 

Zugleich behält aber alles andere, was wir in dem ersten Text zu „Adlershorst“ geschrieben haben, weiterhin Gültigkeit. Zum einen halten wir an der Auffassung fest, dass das Gebäude in der Billstedter Hauptstraße 114 bereits im Jahr 1823 vom Amtarzt Dr. Rabe errichtet worden ist und damit heutzutage das älteste erhaltene Gebäude Schiffbeks darstellt. Zum anderen veranschaulichen die Bilder von Julius Gottheil nach wie vor, wie malerisch die Situation am Unterlauf der Bille im Bereich Schiffbeks noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts gewesen ist. Gut kann man so nachvollziehen, dass sich wohlhabende Hamburger hier damals gerne ihre Landhäuser errichteten.

 

Während das Haus von Dr. Rabe noch heute steht und hiervon Kunde gibt, existiert das „Fiedlersche Haus“ schon lange nicht mehr. Es wurde Ende der 1960er Jahre abgebrochen, als man den Schiffbeker Weg über die Billstedter Hauptstraße hinweg durch die Moorfleeter Brücke bis nach Billbrook verlängerte. Ungefähr dort, wo es einstmals gestanden hat, befindet sich heute das Panorama-Hotel. Abschließend zitieren wir hierzu noch einmal Günther Mörcke, der sich am Ende seines Aufsatzes trotz seines recht geringen Alters schon sehr hellsichtig zeigt:

 

„Das ist alles, was ich zu schreiben habe. Es ist nicht viel, und doch genügt es mir. Denn das, was unser Ort an geschichtlichen Erinnerungen hat, hat nicht jeder Ort. Aber auch die letzten Spuren einer ‚guten, alten Zeit‘ werden nicht mehr lange sein. Bald werden auch sie von der Neues schaffenden modernen Zeit vernichtet werden und durch scheinbar bessere Bauten ersetzt werden. Was man aber an diesen Denkmälern der Geschichte verliert, merkt man heute vielfach noch nicht. Aber man wird es noch feststellen und sich wehmütig an diese Zeit erinnern.“

 

Das „Fiedlersche Haus“ war bei weitem nicht das letzte bedeutsame historische Gebäude, das in Billstedt abgebrochen wurde. Erst vor kurzem verschwanden beispielsweise in Billbrook auch die beeindruckenden Hallen des ehemaligen Metallwalzwerks, die durchaus dazu angetan gewesen wären, die städtebauliche Vision „Billstedt an der Bille“ zu schmücken. Stattdessen entsteht dort nun ein riesiges Logistikzentrum von Hermes.

 

 



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