Der SC Vorwärts - mehr als 100 Jahre Stadtteilgeschichte im Spiegel eines Sportvereins

Fußball ist die mit Abstand populärste Sportart der Welt, die nationalen und internationalen Wettbewerbe – die Bundesliga, die europäische Championsleague sowie die großen Turniere der Nationalmannschaften – begeistern zig Millionen Menschen auf der ganzen Erde. Zugleich ist es heutzutage ein Riesengeschäft: Mit Übertragungsrechten, Werbung und Ablösesummen werden jedes Jahr Milliarden Euro umgesetzt, die großen Klubs gleichen eher Wirtschaftsunternehmen als Sportvereinen, und die Topspieler verdienen Millionengehälter.

 

Doch auch all das hat einmal ganz klein angefangen. Nachdem das Spiel Ende des 19. Jahrhunderts in England entstanden war, fand es bald nach der Jahrhundertwende auch in Deutschland seine Verbreitung. Die Gründung namhafter Clubs wie des Dortmunder BVBs im Jahr 1909 oder aber des FC St. Pauli ein Jahr später zeugen davon.

 

Und auch in Billstedt hielt der Fußballsport in dieser Zeit Einzug. Eine führende Rolle kam dabei dem SC Vorwärts zu. Ganz ähnlich wie etwa beim BVB 09 waren es einige fußballbegeisterte junge Fabrikarbeiter, die den SC Vorwärts aus der Taufe hoben. Sie waren Arbeitskollegen bei der Stahlbaufirma Eggers an der Horner Landstraße, dort wo heute das Unternehmen Thyssen-Krupp Fahrtreppen fertigt, und spielten in ihrer Freizeit gemeinsam Faust- oder Schlagball – damals populäre Ballsportarten, die heute kaum noch jemand kennt.

 

Am 1. August 1913 war es schließlich so weit: In einem Lokal in Horn wurde der SC Vorwärts gegründet. Mit dabei: Franz Havlena, in dessen Wohnung man zuvor das ganze vorbereitet hatte, sowie Wenzel Janus, Emil und Rudolf Krumm, Rudolf Ehlert, Otto Schulz, Jan Wonke, Richard Hase, Jonny Grzybowski, Heinrich Schröder und W. Pawlak. Zum ersten Vorsitzenden wurde Emil Krumm gewählt, der jedoch bald von Wenzel Janus abgelöst wurde. Zu seinem Stellvertreter bestimmte man Johann Steskal.

 

In der Anfangszeit bestand das größte Problem darin, einen Platz zum Spielen zu finden. Während die Turnvereine meist die Säle von Gastwirtschaften nutzen und der im Jahr 1898 gegründete TV Gut Heil am Schöfferstieg über einen eigenen Turnplatz, auf dem man nun auch bald Fußballspiele austrug, sowie eine im Jahr 1906 errichtete Turnhalle verfügte, spielte der SC Vorwärts zunächst mal hier, mal dort. Doch schon bald entwickelte sich das Wiesengrundstück gegenüber dem Lokal von Wüstenberg an der Möllner Landstraße zur sportlichen Heimat der Veilchen, wie man den SC Vorwärts aufgrund seiner lila-weißen Vereinsfarben schnell liebevoll nannte.

 

Binnen kürzester Zeit hatte man drei Mannschaften beisammen, und der ehemalige Kuhacker entwickelte sich durch den intensiven Spielbetrieb schnell zur berüchtigten „Schiffbeker Sandkiste“, die bald von den Gegnern gefürchtet wurde. Dabei war es nicht nur die Unebenheit des Spielfeldes, sondern auch die fußballerische Stärke des SC Vorwärts, mit der man sich konfrontiert sah: Bereits im Jahr 1914 erreichten die Lila-Weißen das Endspiel um die Hamburger Meisterschaft! Nachdem die Partie gegen Altona 93 mit 3:3 geendet hatte, musste ein Wiederholungsspiel angesetzt werden.

 

Doch dann brach der Erste Weltkrieg aus, und das Spiel fand nicht mehr statt. Statt eines frühen großen Titels zahlte auch der SC Vorwärts in den folgenden vier Jahren einen ganz schweren Blutzoll: Zwanzig Mitglieder kehrten aus dem Krieg nicht zurück, unter ihnen die Vereinsgründer Vincent Havlena, Rudolf Krumm, Ignatz Krysiak und Adolf Skibbe.

 

Nach Ende des Krieges richteten einige Unentwegte den Platz an der Möllner Landstraße wieder her. Zu ihnen zählten unter anderem Heinrich Lüders sowie Bernhard Kämper sen. und jun.. Heinrich Lüders übernahm bald das Amt des Vorsitzenden, die Gaststätte der Familie Kämper, die an der Ecke Hamburger Straße/Karlstraße (heute Billstedter Hauptstraße/Frobeniusweg) lag, wurde im Jahr 1919 offizielles Vereinslokal des SC Vorwärts. Im Obergeschoss befanden sich zwei große Zimmer, die den Mannschaften als Umkleideräume dienten, im Keller standen drei Duschen zur Verfügung. Vor und nach dem Spiel ging es nun durch die eng mit Mietshäusern bebaute Karlstraße zum Sportplatz, und je nach Ergebnis und Zugehörigkeit der Spieler konnte dieser Weg ein Triumphmarsch oder aber ein Spießrutenlauf sein. Die Wirtin Martha Kämper, die Frau von Bernhard Kämper jun., wurde zur guten Seele des Vereins, bei der man immer sein Herz ausschütten konnte und die auch von den Gastmannschaften sehr geschätzt wurde.

 

Das öffentliche Interesse am Fußballspiel war damals schon groß, und dem Publikum wurde durch den SC Vorwärts wieder einiges geboten. Der Verein trat nun im Arbeitersport-Kartell an und spielte dort schnell eine herausragende Rolle. Bereits 1893 hatte sich in Gera der an die Sozialdemokratie angelehnte Arbeiter-Turnerbund (ATB) als politisch motivierter Sportverband gegründet. Nach dem ersten Weltkrieg öffnete sich der Verband neben dem Turnen auch weiteren populären Sportarten wie der Leichtathletik und insbesondere dem Fußball und nannte sich in Arbeiter Turn- und Sportbund (ATSB) um. Da viele Mitglieder des SC Vorwärts der Arbeiterbewegung nahe standen, war es keine Frage, dass der Verein bald nach der Gründung dem ATSB beitrat.

 

Die 1. Mannschaft konnte sogar den FSTV Lorbeer aus Rothenburgsort, der im Arbeitersport eine feste Größe war,  im Jahr 1922 mit 3:0 schlagen. Einige Jahre später (in den Jahren 1929 und 1931) wurde Lorbeer  mit Erwin Seeler, dem Vater von Uwe Seeler, dann  sogar zwei Mal Deutscher Meister im Arbeitersportverband.

 

Im Jahr 1923 gewannen die Veilchen dann in der A-Klasse die Hamburger Meisterschaft – und wurden um den Erfolg betrogen: Nachdem sie im Entscheidungsspiel gegen den ASV Bergedorf gesiegt hatten, erhielten sie vom Verband eine Mitteilung, dass das Spiel erneut ausgetragen werden müsse. Dies wollte der Club jedoch nicht hinnehmen: Er trat zu dem Wiederholungsspiel nicht mehr an und wechselte umgehend zum bürgerlich organisierten Hamburger Fußball-Verband, da man mutmaßte, dass die neu angesetzte Partie allein dazu dienen sollte, die Bergedorfer zum Meister zu küren. Sämtliche Unterlagen des Arbeitersport-Kartells einschließlich des berüchtigten Schreibens sollen kleingerissen und im Ofen verbrannt worden sein. So verbaute sich der Verein mit seinem durchaus berechtigten Stolz die Möglichkeit zur Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft. Und er verlor das Gründungsmitglied Emil Krumm, der ein überzeugter Arbeitersportler war und zu einem anderen Verein wechselte.

 

Ein anderer herausragender Vorwärts-Spieler dieser Zeit war der Rechtsaußen Jan Wonke. Er reklamierte nicht nur den schnellsten Treffer des Vereins für sich, als er direkt nach dem Anstoß lossprintete, den Ball erhielt und ihn umgehend im gegnerischen Tor versenkte, sondern auch den kuriosesten: So will er den Ball bei einer Ecke mit der Pieke von einem hohen Grassoden hoch in den Himmel geschossen haben, schnell in den Strafraum gelaufen sein und ihn dort, als er wieder herunter kam, eingeköpft haben. Kaum zu glauben – aber so liest man es in der Jubiläumsschrift, die anlässlich des 50jährigen Bestehens des Vereins veröffentlicht wurde. Auf der anderen Seite wurde in dieser Publikation der Gewinn der Deutschen Meisterschaft durch den FTSV Lorbeer aber auch in das Jahr 1923 verlegt, so dass möglicherweise nicht alle Darlegungen in der Jubiläumsschrift für bare Münze genommen werden können.

 

Im bürgerliche Lager stieg der SC Vorwärts in der B-Klasse in den laufenden Wettbewerb ein und übernahm den Platz von Bergedorf 60, die als abgeschlagener Letzter die Flinte ins Korn geworfen hatten. In der Folge wurde kein Spiel mehr verloren und so der Klassenerhalt gesichert. In der Spielzeit 1924/25 wurde man dann souverän Meister und stieg in die A4-Klasse auf, wo man fortan auf Wacker 04 traf. Dieser Verein stammte ursprünglich aus Rothenburgsort, hatte seine Spielstätte aber seit den 1920er Jahren ebenfalls in Schiffbek und war damit fortan der große Lokalrivale des SC Vorwärts.

 

Auch in der A4-Klasse spielte Vorwärts in den folgenden Jahren stets oben mit und errang im Jahr 1928 erneut den Meistertitel. Im Jahr 1929 folgte die Aufnahme in die neugegründete „Großhamburger Bezirksklasse“.  Zuvor hatte man bei einer „Revolutions-Sommer-Sonder-Serie“, an der die Top-Clubs der A-Klasse teilgenommen hatten, sämtliche Spiele mit hoher Tordifferenz gewonnen. Ein Freundschaftsspiel anlässlich des 25jähren Bestehens von Wacker 04 gegen deren erste Mannschaft endete vor 3000 Zuschauern 4:4. Unterdessen sicherte sich die zweite Mannschaft des Vereins zu dieser Zeit zum fünften Mal in Folge die Meisterschaft der A4-Reserven.

 

Schon im Jahr 1924 hatte man sich dafür eingesetzt, den Sportplatz mit einem Holzzaun einzufassen. Hierdurch wollte man verhindern, dass zu viele Zuschauer den Spielen beiwohnten, ohne den Eintritt zu entrichten. Doch auch, als der Zaun dann stand, war das Problem nicht gelöst. Deshalb installierte man Ende der 1920er Jahre zusätzlich auf der Seite zu den unmittelbar angrenzenden Spinnhäusern Halterungen für Jutegirlanden, die vor jedem Spiel vom Platzwart aufgespannt werden mussten. Außerdem wurde im Jahr 1927 die dringend erforderliche Bedürfnisanstalt eingerichtet, nachdem man im Vorjahr angesichts der Kosten davon noch Abstand genommen hatte.

 

Im Jahr 1924 hatte man sich außerdem dafür ausgesprochen den Ordnungsdienst zu verstärken. Drei Jahre später beschloss man, diesen bei Spielen der 1. Mannschaft mit Armbinden besser sichtbar zu machen. Von der dahinterstehenden Notwendigkeit zeugt zweifellos die Aussage, die ein Vereinsmitglied ein Jahr später tätigte. Er sagte, das Publikum des SC Vorwärts sei „nicht fanatisch, sondern derb“.

 

Aber auch die Spieler selbst waren mitunter undiszipliniert. So wurde im Jahr 1925 eine Mannschaft vom Vorstand für ihr unsportliches Verhalten gerügt und außerdem beschlossen, nicht angetretene Spieler mit einer Strafe in Höhe von 3 Mark zu belegen. Sechs Jahre später fand dann ein Antrag Zustimmung, Spieler, die schon öfter der Verein gewechselt hatten, nicht beim SC Vorwärts aufzunehmen.

 

Die Erfolge ließen die Mitgliederzahl des SC Vorwärts in den 1920er Jahren kontinuierlich steigen. Im Jahr 1930 war er hamburgweit der Sportverein mit den zwölftmeisten Mitgliedern. In diesem Jahr machte man sich auch an die Neugestaltung des Fußballplatzes an der Möllner Landstraße, der nun mit einer soliden Decke aus Asche versehen wurde. Außerdem errichtete man an seinem Eingang einen Gedenkstein für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Sportkameraden. Bereits 1927/28 war eine Handball-Abteilung ins Leben gerufen worden, in der auch Frauenteams aktiv waren, im Jahr 1931 folgte eine Box-Abteilung.

 

Fußballerisch ging es weiter voran: Im Sommer 1930 gewann man mit einem 3:2 gegen den Ortsrivalen Wacker 04 den Bille-Pokal und schlug im Anschluss mit einer Kombinationsmannschaft aus Spielern beider Vereine die Oberliga-Mannschaft von Polizei Lübeck mit 10:2. Und auch aus einem Freundschaftsspiel gegen die verstärkte Oberliga-Reserve des HSV ging der SC Vorwärts als Sieger hervor.

 

Für die folgende Spielzeit erwarteten viele von der Mannschaft den Aufstieg in die Oberliga, und tatsächlich konnte sie sich lange an der Tabellenspitze behaupten. Doch dann riss der Faden, es gingen mehrere Partien verloren und am Ende war es nicht der SC Vorwärts, der in die Oberliga aufrücken durfte, sondern die Mannschaft von Wacker 04: Vor 5000 Zuschauern gewannen sie am 7. Juli 1931 das Entscheidungsspiel gegen den Wandsbeker FC mit 3:2. Ein Jahr später kehrten sie dann wieder in die Großhamburger Bezirksliga zurück, wo es fortan immer wieder packende Duelle der beiden Clubs gab, die mal der eine, mal der andere für sich entscheiden konnte.

 

Dann kam das Jahr 1933: Die Nationalsozialisten rissen die Macht an sich und schalteten im Anschluss das politische wie gesellschaftliche Leben gleich. Andersdenkende und dem Regime aus anderen Gründen missliebige Personen wurden ausgegrenzt und verfolgt, Organisationen und Vereine, in denen sie aktiv waren, gesäubert oder gleich ganz verboten. So erging es auch dem SC Vorwärts, der seit 1929 von Otto Bremer geführt wurde. Auf der Grundlage der am 28. Februar 1933 erlassenen Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat wurde der Verein im Sommer des Jahres verboten. Von diesem Gesetz waren eigentlich alle Mitglieder und Unterorganisation der SPD und KPD, so auch der ATSB und alle seine Mitgliedsvereine betroffen. Obwohl der SC Vorwärts dem ATSB gar nicht mehr angehörte, gab es Haussuchungen, Verhöre und Beschlagnahmungen. Das gesamte Vereinseigentum wurde konfisziert, auch den wertvollen Boxring samt Zubehör transportierte man ab.

 

Doch einige fanden sich mit dem Verbot nicht ab, protestierten dagegen und hatten schließlich Erfolg. Nach drei Monaten wurde der Verein rehabilitiert. Dass die Nazis derartige Entscheidungen wieder zurücknahmen war sehr ungewöhnlich, doch nunmehr erfüllte der Verein die Auflage, dass mindestens 51 Prozent der Vorstandsmitglieder Nationalsozialisten sein mussten. Vom beschlagnahmten Eigentum kehrten allerdings nur einige Bälle und der Vereinsstempel zurück. Besondere Verdienste erwarben sich damals Willy Boysen und Karl Lüders, die auf der ersten Generalversammlung nach der Aufhebung des Verbots mit der silbernen Ehrennadel ausgezeichnet wurden. Das langjährige Mitglied Willy Boysen ernannte man zudem zum Ehrenvorsitzenden.

 

So konnte die sportliche Erfolgsgeschichte des SC Vorwärts weitergehen. Allerdings war die 1. Mannschaft im Zuge des Vereinsverbots eine Spielklasse zurückgestuft worden. So trat sie in der Kreisklasse an, die sie im Jahr 1934 souverän gewann. Und auch die Reserve wurde mit 42 Punkten aus 24 Begegnungen bei einem Torverhältnis von 146:30 überlegen Meister aller Hamburger Kreisklassen-Reserven.

 

Am 8. Juni 1934 folgte ein 7:2-Sieg einer Kombination aus Spielern von Vorwärts und Wacker bei einem Freundschaftsspiel in der legendären Adolf-Jäger-Kampfbahn gegen den Oberligisten Altona 93 und am 16. September desselben Jahres ein spektakuläres 4:4 einer erneuten Billstedter Kombination gegen Holstein Kiel anlässlich der Einweihung des im Jahr 1930 begonnenen und nun im Rahmen des nationalsozialistischen Reichsarbeitsdienstes fertiggestellten Stadions an der Möllner Landstraße.

 

Vier Jahre später drohte dem SC Vorwärts dann erneut die Rückstufung aus der Großhamburger Bezirksklasse. Infolge einer Neuformierung der Spielklassen durch den Verband musste ein Entscheidungsspiel gegen Teutonia um den Verbleib in der Klasse bestritten werden. Auf neutralem Platz des VfL Hamburg 05 im Hamburger Stadtpark setzten sich die Billstedter Kicker am Ende dann aber souverän mit 6:3 durch.

 

Zwei weitere ganz große Spiele bescherten dem SC Vorwärts in dieser Zeit die Pokalwettbewerbe: Im Jahr 1936 hatten sich die Lilien für die Hauptrunde des Nordmark-Pokals qualifiziert und trafen am 4. Mai am Rothenbaum auf den dreifachen Deutschen Meister und den norddeutschen Rekordmeister HSV. Am Ende stand es allerdings  6:0 für die Rothosen.

 

Noch bedeutender, ja vielleicht sogar am bedeutendsten überhaupt in der Geschichte des Vereins war dann das Spiel, das drei Jahre später abermals im Billstedter Stadion ausgetragen wurde: Im Tschammer-Pokal, der nach dem nationalsozialistischen Sportminister benannt war und an dem deutschlandweit 6100 Mannschaften teilnahmen, hatte sich der SC Vorwärts für die Runde der letzten 64 Mannschaften qualifiziert. Dort trafen die Veilchen auf das Team von Fortuna Düsseldorf, das bereits zehnmal die Niederrhein-Meisterschaft gewonnen hatte, im Jahr 1933 Deutscher Meister geworden war und in seinen Reihen gleich fünf Nationalspieler aufweisen konnte. 6000 Zuschauer wohnten dieser Partie bei, die am 20. August 1939 ausgetragen wurde. Die frühe Führung der Fortuna konnte Vorwärts kurz vor der Pause ausgleichen. Der Jubel soll bis nach Oststeinbek und Horn hörbar gewesen sein. Zur zweiten Halbzeit zog dann ein Unwetter herauf. Bei heftigem Regen stemmte sich der SC Vorwärts der Übermacht entgegen, doch der damalige Rekordtorschütze der Fortuna Hans Pickartz, der auch schon das erste Tor erzielt hatte, traf noch zweimal zum Endstand von 1:3.

 

Elf Tage später brach der Zweite Weltkrieg aus, und auch dieser traf den Verein hart. Sechzig Mitglieder, an anderer Stelle ist sogar von einhundert die Rede, fanden in den Kämpfen den Tod, unter ihnen zahlreiche namhafte Spieler. Im dritten Kriegsjahr schuf Hein Krüger, dessen Familie dem Verein schon lange verbunden war, einen Gedenkstein mit der Inschrift „Unseren gefallenen Kameraden“, der auf der Sportanlage aufgestellt und von einem Vertreter der Stadt eingeweiht wurde. Gleichwohl lokale NS-Größen darauf gedrängt hatten, den Gedenkstein mit einem Hakenkreuz zu versehen, war Hein Krüger dem nicht nachgekommen. Der Spielbetrieb wurde unterdessen notdürftig mit Unterstützung durch einige Flaksoldaten aufrechterhalten, die sich schnell im Club sowie im Vereinslokal Kämper heimisch fühlten.

 

Nach Ende des Krieges machte man sich auch beim SC Vorwärts an den Wiederaufbau des Vereins. Die Umstände waren dabei denkbar schwierig. Wie bei so vielen anderen Dingen des täglichen Bedarfs gab es damals auch bei Sportausrüstungen kaum eine Möglichkeit, sie zu erwerben. Doch man wusste sich zu helfen: Unter alte Halbschuhe wurden Gummistollen genagelt, aus Oberhemden wurden Trikots geschneidert, Unterhosen als Sporthosen genutzt und gut erhaltene Lederstücke aus alten Bällen zu neuen zusammengenäht. Vielfach passten die Schuhe auch nicht richtig, waren zu klein oder zu groß und drückten mitunter. Einheitliche Stutzen waren auch nicht zu beschaffen. Ein zusätzliches Problem stellte es in dieser Zeit dar, dass die Tornetze von der Militärregierung beschlagnehmt worden war.

 

Der sportliche Erfolg stellte sich aber schnell wieder ein. Bereits in der ersten Spielzeit nach dem Krieg gewann die 1. Jungmann-Mannschaft ungeschlagen und mit tollem Torverhältnis die Klassenmeisterschaft und zog durch Siege über Urania, Viktoria Wilhelmsburg und Lurup ins Endspiel um die Hamburger Meisterschaft ein, wo man auf Bergedorf 85 traf. Zur Halbzeit stand es bereits 5:0 für die Lila-Weißen, die erst danach mit einheitlichen Trikots auflaufen konnten: Zwischenzeitlich war die 1. Herren-Mannschaft eingetroffen, die auch noch ein Spiel ausgetragen hatte, und hatte ihr Sporthemden an den Nachwuchs weitergegeben. Dieser erhöhte nach dem Wiederanpfiff noch auf 8:0 und war damit Hamburger Meister!

 

In den Jahren 1946/47 machte man sich – wie schon nach dem Ersten Weltkrieg – an die Wiederherrichtung des Sportplatzes. Unter anderem errichtete man jetzt aus Betonplatten, die beim Abbruch des Bunkers am Posthornstieg abfielen, eine große Stehplatztribüne. Hilfreich waren dabei die Fahrzeuge, die der Kohlenhändler Riechler dem Verein zur Verfügung stellte.

 

In der Spielzeit 1947/48 griff dann auch die 1. Herrenmannschaft unter der Führung des aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Torhüters Stasch Szymczak wieder an. Schnell eilte sie der Klassenmeisterschaft und dem Aufstieg in die höchste Hamburger Amateurliga entgegen. Nachdem man schon am Vorabend des letzten Spiels die Meisterschaft gefeiert hatte, musste man sich nach einer 2:3-Niederlage beim Tabellenletzten allerdings mit dem zweiten Platz begnügen.

 

Für den Aufstieg reichte es aber trotzdem. Nach schwachem Start fand man sich auf dem vorletzten Platz wieder, doch dann folgte eine Serie von 14 Siegen in Folge. Der SC Vorwärts und Bergedorf 85 hatten damals zahlenmäßig den stärksten Anhang. Mit mehreren Lastwagen samt Anhängern und gecharterten Straßenbahnen voller Fans fuhr man zu Auswärtsspielen und bescherte den gegnerischen Vereinen Besucherrekorde. Als die beiden Clubs auf dem Vorwärtsplatz aufeinander trafen, säumten 6700 Zuschauer den Spielfeldrand.

 

Doch der Club hatte nicht nur Freunde. So verklagte ein Unternehmen, dessen Grundstück unmittelbar an den Vorwärts-Sportplatz angrenzte, den Verein im Jahr 1951, weil immer wieder Bälle über den Zaun flogen. Und tatsächlich wurde er zu einer Strafe von 600 Mark verurteilt, die in der damaligen Zeit schon schmerzte.

 

Als im Jahr 1950 die beiden Hamburger Amateurligen zusammengeschlossen wurden, führte dies dazu, dass der SC Vorwärts als Tabellensiebter absteigen musste. Anfangs spielte die Mannschaft in der Verbandsliga noch um den direkten Wiederaufstieg mit, doch dann verlor sie den Anschluss. Einige Jahre später musste sie sogar, nachdem ihr am grünen Tisch Punkte abgezogen worden waren, auch die zweite Amateurklasse verlassen. Die sportliche Entwicklung litt in dieser Zeit darunter, dass sich mehrere Spieler ernsthaft verletzten, zur Bundeswehr mussten oder aber von Oberligaklubs abgeworben wurden. Letzteres widerfuhr den SC Vorwärts damals fünfmal.

 

Ansonsten gedieh der Verein in dieser Zeit. Die Mitgliederzahl stieg – auch dank der großen Handballabteilung – schnell wieder bis an die 1000er Marke, die Jugendmannschaften sowie die Reserve fuhren zahlreiche Titel ein. Bei  seinem 50jährigen Jubiläum im Jahr 1963 konnte sich der Club nicht nur über diese Erfolge freuen, sondern auch über eine solide Finanzlage, ein – wie man selbst schrieb – „ideales Vereinshaus“ und eine nochmals für 90.000 DM hergerichtete „immer sauber und geschmackvoll gepflegte Sportplatzanlage“.

 

Die Mitgliederzahl war inzwischen allerdings wieder auf etwa 500 zurückgegangen. Bedeutenden Anteil daran hatte, dass die Handball-Abteilung, die in den ersten Jahren nach dem Krieg sowohl bei den Damen als auch bei den Herren noch einmal eine Blüte erlebt hatte, nicht mehr bestand. Zwischenzeitlich hatten bis zu fünfhundert Zuschauer den Spielen beigewohnt. Doch nach mehrere Regeländerungen schieden zahlreiche Aktive aus. Weiteren Tribut forderten auch hier die Einberufungen zur Bundeswehr, und schließlich blieb der Nachwuchs aus. Als letztes bestritt die 1. Herrenmannschaft noch die Spielzeit 1958/59. Danach war Handball beim SC Vorwärts Geschichte. 

 

Bis 1947 hatte noch „Hein“ Lüders die Geschicke des Vereins gelenkt, dann hatte Edmund Kloss für vier Jahre die Führung übernommen, um sie anschließend an den spät aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrenden Arthur Rösecke zu übergeben. Im Jahr 1959 musste er das Amt krankheitsbedingt abgeben, und auch Edmund Kloss, der bis dahin als Hauptkassierer fungiert hatte, und der Beisitzer und Spielausschussobmann Walter Ehrbeck schieden nun aus. Die Führung fiel jetzt an Walter Hamester, der zuvor schon den Posten des 2. Vorsitzenden innegehabt hatte.

 

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahr ging es dann auch mit der 1. Herrenmannschaft sportlich bergauf. Im Jahr 1966 stieg man als Meister wieder in die Landesliga auf und spielte dort phasenweise sogar um den Aufstieg in die Regionalliga, damals die zweithöchste Liga in der Bundesrepublik Deutschland,  mit. In Freundschaftsspielen konnte man damals sogar gegen Mannschaften der Regionalliga bestehen oder sogar gewinnen. Nach einem zwischenzeitlichen Abstieg folgte dann im Jahr 1973 der abermalige Aufstieg in die Landesliga. Die Heimspiele wurden in dieser Zeit mitunter von mehr als tausend Zuschauern verfolgt, und auch zu den Auswärtsspielen reisten häufig bis zu 300 Schlachtenbummler mit dem Bus an.

 

Die absoluten Highlights bildeten in dieser Zeit die zahlreichen Spiele gegen die Bundesliga-Mannschaften vom Hamburger SV und von Werder Bremen. Im Juni 1965 konnte man erstmalig den HSV, der im Jahr 1960 die Deutsche Meisterschaft gewonnen hatte, für ein Freundschaftsspiel verpflichten. Gleichwohl die Rothosen mit ihrer annähernd besten Elf antraten, unter anderem mit dem Nationalspieler Charly Dörfel und seinem Bruder Bernd, konnten die Lila-Weißen ihnen lange Paroli bieten. Nachdem sie bis zur Halbzeit noch ein 2:2 gehalten hatten, mussten sie sich erst am Ende mit 2:4 geschlagen geben. 5200 zahlende Zuschauer wohnten den Spiel bei. Uwe Seeler, der verletzungsbedingt nicht mitspielen konnte, wurde von Autogrammjägern regelrecht belagert. Und noch drei Stunden nach dem Abpfiff saßen die HSV-Spieler mit ihren Gegner im Vereinslokal Kämper beisammen, zollten ihnen Respekt für die starke Leistung und genossen die Gastfreundschaft des Vereins.

 

Ein Jahr später gab sich dann der SV Werder Bremen die Ehre, der in der Saison 1964/1965 Deutscher Meister geworden war. Auch er traten mit seiner besten Elf an, darunter drei Nationalspieler, und musste sich – gleichwohl beim SC Vorwärts mehrere Stammspieler fehlten, weil sie verletzt waren oder von der Bundeswehr nicht frei bekommen hatten – mühen, die Partie für sich zu entscheiden. Am Ende siegten die Bremer schließlich mit 2:1. Regnerisches Wetter hatte einen Rekordbesuch verhindert, doch auch so waren 4000 Zuschauer gekommen.

 

Im Jahr 1967 kamen dann sogar die beiden Topklubs aus dem Norden zum SC Vorwärts. Im Mai endete die Partie gegen Werder diesmal vor 4500 Zuschauern 1:3, im August unterlag man dem HSV, der nun auch mit Uwe Seeler sowie drei weiteren Nationalspielern antrat, vor 6000 Zuschauern mit 2:8.  Als die Elf um Uwe Seeler drei Jahre später noch einmal zu den Lila-Weißen kam, hieß es am Ende sogar 0:13. Eingefädelt hatte all diese Spiele der umtriebige und gut vernetze erste Vorsitzende Walter Hamester, der die Geschicke des Vereins noch bis 1975 lenkte und den Vorsitz dann an Manfred Rosecke übergab.

 

Im Jahr 1966 hatte der SC Vorwärts zudem einen Spielmannszug ins Leben gerufen. Schnell entwickelte er sich zu einem bedeutenden Aktivposten im Verein. Schon nach wenigen Jahren richtete man alljährlich im Hein-Klink-Stadion eine große Musikschau aus, an der mitunter ein Dutzend Spielmannszüge mit bis zu 1000 Aktiven teilnahm und die von bis zu 3000 Zuschauern besucht wurden. Im Jahr 1972 erzielte der Verein den zweiten Preis beim Deutschland-Pokal der Spielmannszüge, 1973 reiste man für Auftritte nach Kanada und 1974 empfing man 120 kanadische Gäste zum Gegenbesuch.

 

Bereits das Spiel gegen dem HSV im Jahr 1967 hatte der SC Vorwärts nicht mehr auf seiner angestammten Spielstätte an der Möllner Landstraße ausgetragen. Diese musste aufgeben werden, da hier im Rahmen der Neugestaltung des Billstedter Zentrums mit der Reclamstraße eine Umgehungsstraße zur Anbindung der neuen U-Bahn-Haltestelle Billstedt angelegt werden sollte. Ebenso erging es dem großen Lokalrivalen Wacker 04, dessen Spielstätte nördlich des Lokals von Vocke gelegen hatte und nun dem ersten Bauabschnitt des Billstedt Centers weichen musste. Beide Vereine zogen daraufhin auf die neugeschaffene, nach damaligen Maßstäben hochmoderne Spielstätte am Jenkelweg, wo sie jeweils einen eigenen Sportplatz erhielten.

 

Im Jahr 1978 gelang es, dort auf einem Grundstück, das von der SAGA zur Verfügung gestellt wurde, einen ausrangierten Schulpavillon aufzustellen und als Jugend- und Freizeitheim herzurichten. Für die Renovierung und Ausstattung wurden aus Vereins- und Privatmitteln rund 100.000 DM mobilisiert. So konnte man der großen Jugendabteilung des Vereins in unmittelbarer Nähe zu Sportplatz einen Anlaufpunkt und Versammlungsort bieten. Der Betrieb der Gastwirtschaft gestaltete sich allerdings schwierig; meist wechselte der Pächter nach wenigen Jahren.

 

Gleichwohl es schon in den 1960er Jahren Bestrebungen gegeben hatte, die Den SC Vorwärts und Wacker 04 zusammenzuschließen, dauerte es damit noch bis zum Jahr 1990. Am 19. Mai wurde bei der Generalversammlung in der Gaststätte Kämper die Fusion bei nur wenigen Enthaltungen und Gegenstimmen beschlossen.  Beim SC Vorwärts hatte vorher der Vorsitzende Bernhard Kämper III. die Fäden gezogen, auf der anderen Seite Herbert Glabbatz, der ursprünglich für den SC Vorwärts geboxt hatte, dann bei Wacker 04 eine sehr erfolgreiche Boxabteilung aufgebaut hatte und nun bereits seit dreißig Jahren Präsident des Vereins war. Bernhard Kämper führte den Verein dann auch in den ersten beiden Jahren nach dem Zusammenschluss. Wacker 04 brachte damals neben der Boxabteilung auch eine Tischtennis- sowie eine Gymnastikabteilung in den neuen Verein ein, mittlerweile wird auch Badminton und Kung-Fu angeboten.

 

Dank eines Zuschusses der Stadt in Höhe von 300.000 DM konnte der SC Vorwärts-Wacker 04, wie man sich nun nannte, im Jahr 2002 das alte Jugend- und Freizeitheim am Jenkelweg durch einen Neubau ersetzen. Sportlich ging es mit dem Verein in dieser Zeit ebenfalls aufwärts. Im Jahr 1997 gelang der Aufstieg in die Oberliga Hamburg-Schleswig-Holstein, in der Saison 2000/2001 erreichte man dort den siebten Platz, ein Jahr später wurde man Achter. In der Saison 2003/04 verpasste man dann als 15. klar die Qualifikation für die neugeschaffene Oberliga Nord und musste in die Landesliga wechseln. In den Spielzeiten 2007/08, 2010/2011 und 2016/2017 schaffte die Mannschaft noch dreimal den Aufstieg in die Oberliga, allerdings jeweils gefolgt vom unmittelbaren Wiederabstieg. In der Saison 2009/2010 scheiterte man zudem als Tabellenzweiter im Relegationsspiel erst im Elfmeterschießen. Außerdem erreichte der Verein in den Jahren 1998 und 2011 den Einzug in das Finale des Hamburger Landespokals, das aber in beiden Fällen verloren wurde.

 



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