Morgenstern, Bigot & Co: Die Arsenfabrik an der Bille

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich am Unterlauf der Bille ein Industriegebiet, das zu einem der größten der Hansestadt Hamburg werden sollte. Die Rede ist von Billbrook, das im Jahr 1912 als eigenständiger Stadtteil aus der Landschaft Billwärder herausgelöst wurde. Den Anfang hatte in diesem Gebiet, das über Jahrhunderte hinweg bei wohlhabenden Hamburgern als Standort für ihre Sommerfrischen beliebt gewesen war, im Jahr 1846 nahe der Blauen Brücke eine chemische Fabrik gemacht, die zugleich als älteste chemische Fabrik Hamburgs gilt. Nachdem hier zunächst nur in einer kleinen Kate aus Gasabfällen Salmiak gewonnen wurde, entwickelte sie sich binnen weniger Jahrzehnte zu einem Großbetrieb mit 300 Beschäftigten, der seit 1865 im Besitz einer Aktiengesellschaft war und unter dem Namen Chemische Fabrik in Billwärder firmierte.

 

Bis zum Anschluss Hamburgs an das Zollgebiet des Deutschen Reiches im Jahr 1888 kamen lediglich fünf weitere Betriebe hinzu: eine Eisengießerei, eine weitere chemische Fabrik, eine Parfümerie- und Seifenfabrik, eine Öl- und Firnißfabrik sowie eine Wäscherei und Färberei. Dann beschleunigte sich diese Entwicklung, und es verging bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs kaum ein Jahr, in dem nicht mindestens ein neuer Betrieb hinzukam. Unter anderem entstanden mehrere weitere chemische Fabriken. Die bedeutendsten Betriebe waren allerdings ein großes Metallwalzwerk mit seinem über einhundert Meter hohen Schornstein und eine im Jahr 1908 eröffnete Zinkhütte, die bis zu 360 Arbeiter beschäftigte. All diese Fabriken entstanden entlang des Billwärder Billdeichs, wo ihnen die bis hierher schiffbare Bille einen bequemen Transportweg bot.

 

Nachdem die Stadt Hamburg bereits im Jahr 1869 des mittlere Joch der Blauen Brücke verbreitert und durch eine Stahlkonstruktion ersetzt hatte, ließ sie die Rote Brücke im Jahr 1886 komplett erneuern und den Fluss in den Jahren 1888-90 von der Brandshofer Schleuse, wo er in die Elbe mündete, bis zur Blauen Brücke auf eine Breite von 30 Metern und eine Tiefe von 2 Metern bringen und zudem die Ufer mit Spundwänden versehen. Außerdem legte man neue Dampfschiffbrücken an und erweiterte den bei der Blauen Brücke gelegenen Lösch- und Ladeplatz.

 

Ab dem Jahr 1904 wandte sich die Hansestadt dann in großem Stil der Bereitstellung weiterer Industrieflächen zu. Am Anfang standen dabei umfangreiche Grundstückskäufe, die mit dem Ziel getätigt wurden, die freien Flächen zwischen der Bille im Norden, dem Unteren Landweg im Osten, dem Dorf Moorfleet im Süden und dem Billwärder Ausschlag im Westen in städtischer Hand zu vereinigen, und sich bis ins Jahr 1910 hinzogen.

 

In den Jahren 1905 bis 1908 baute man den an der Grenze zum Billwärder Ausschlag gelegenen Abzuggraben zum Tiefstackkanal aus, der durch die 1902 fertiggestellte Tiefstackschleuse in die Billwärder Bucht mündete und damit von Beginn an über eine Verbindung mit der Elbe verfügte. Der Durchstich zur Bille erfolgte erst 1916. Vom Tiefstackkanal zweigte man ab 1910 den heutigen Billbrookkanal nach Osten ab, von der Billwärder Bucht den Moorfleeter Kanal, an den sich nach Norden der Tidekanal anschloss. Letzterer wurde unter der Hamburg-Berliner Bahnlinie hindurchgeführt und verlief dann im Abstand von 250 Metern parallel zum Billbrookkanal. Ebenso wie dieser endete er erst kurz vor dem Unteren Landweg.

 

Zentrale Bedeutung kam der Aufhöhung des Gebietes zu. Bevor hiermit begonnen werden konnte, wurden im nördlichen Bereich zunächst Straßendämme geschüttet. Hierfür schaffte man mit einer eigens errichteten Transportbahn rund 300.000 Kubikmeter Sand aus den Boberger Dünen heran. Für die Aufhöhung selbst wandte man verschiedene Verfahren an: Im nördlichen Bereich sowie südlich der Hamburg-Berliner Bahn den Schüttbetrieb, dazwischen den Spülbetrieb. Für letzteren verwendete man Baggergut, das in der Elbe gewonnen, mit Schuten ins Aufhöhungsgebiet gebracht und dort auf die dafür vorgesehenen Flächen geschwämmt wurde, nachdem man Spüldeiche errichtet hatte. Insgesamt brachte man auf diese Weise 9 Millionen Kubikmeter Erdreich auf. Im südlichen Bereich hatte man von diesem Verfahren Abstand genommen, da man die Durchfeuchtung des Bahndammes fürchtete, im nördlichen, weil dieser bereits dicht mit Betrieben besiedelt war. Aus diesem Grund begnügte man sich hier auch mit der Aufhöhung auf 6,90 Meter über Hamburger Normal Null, während das übrige Areal auf hochwasserfreie 9,20 Meter gebracht wurde. Teils musste es hierfür um 6 Meter aufgehöht werden.

 

Neben Kanälen und Straßen wurde das Gebiet auch durch Bahngleise erschlossen. Diese wurden ab dem Jahr 1906 von der Billwärder Industriebahn betrieben, die in Tiefstack Anschluss an die Hamburg-Berliner Bahnstrecke hatte und im Osten mit der Südstormarnschen Kreisbahn verbunden war. Unterdessen zog sich die Fertigstellung der Straßen noch bis in die 1920er Jahre hin. Und auch die Arbeiten an den Lösch- und Ladeplätzen bei der Blauen Brücke und am Billbrookkanal wurden erst in den Jahren 1916 und 1919 abgeschlossen. Zudem wurde im Jahr 1917 in seiner südwestlichen Ecke das Kohlekraftwerk Tiefstack mit seinen markanten vier Schornsteinen in Betrieb genommen.

 

Nach dem Ersten Weltkrieg kamen auf den neu bereitgestellten Flächen zahlreiche neue Betriebe hinzu. Neben einer weiteren Jutefabrik der Firma Schlochauer sind vor allem die Unternehmen Colgate-Palmolive und Still zu nennen, die noch heute in Billbrook ansässig sind. Außerdem errichtete die Stadt Hamburg hier Ende der 1920er Jahre eine Müllverbrennungsanlage, eine Tierkörperverwertungsanlage, einen großen Schlachthof und beim Kraftwerk Tiefstack einen riesigen Gasometer.

 

Infolge der Weltwirtschaftskrise mussten dann etliche Unternehmen ihre Produktion massiv einschränken oder wurden gar ganz geschlossen. Hierzu zählte auch die Zinkhütte, die bereits im Oktober 1929 bis auf die Zinkweißabteilung stillgelegt wurde. 1938 richtete man in den leeren Hallen ein Gummirenaturierwerk ein, in dem man vor allem die Decken und Schläuche von Autoreifen sammeln und das Material für die erneute Verwendung in der Industrie aufarbeiten wollte. Bereits 1935 hatten sich zudem die Köln-Deutzer Motorenwerke in den ursprünglich für den Schlachthof errichteten Hallen angesiedelt. Beides ist sicherlich im Kontext der nationalsozialistischen Rüstungs- und damit verbundenen Autarkiebestrebungen zu sehen.

 

Ergänzt wurde das Industriegebiet Billbrook durch mehrere Fabriken, die am gegenüberliegenden Billeufer in der preußischen Ortschaft Schiffbek errichtet wurden, die im Jahr 1927 mit den beiden Nachbargemeinden Kirchsteinbek und Öjendorf zu Billstedt zusammengefasst wurde, das dann im Jahr 1937 durch das Groß-Hamburg-Gesetz zur Hansestadt kam. Die mit Abstand größte Fabrik war hier die in den Jahren 1883/84 errichtete Norddeutsche Jutespinnerei und -weberei, die anfangs 500 Arbeitskräfte beschäftigte und diese Zahl zeitweise bis auf über 1500 steigerte. Bereits im Jahr 1876 war zudem von den Unternehmer L.G.C. Ullner eine Farbholzmühle eröffnet worden, die sich zu einer chemischen Fabrik mit bis zu 200 Beschäftigten weiterentwickelte. In den Jahren 1908/09 kam nahe der Blauen Brücke eine Fabrik für Eisenkonstruktionen hinzu, die von der Firma H.C.E. Eggers betrieben wurde und etwa 500 Arbeitskräfte zählte. In den 1920er Jahren richtete schließlich das Unternehmen Brehmer & Wagner an der Horner Landstraße eine Margarinefabrik ein, bei der bis zu 200 Personen beschäftigt waren.

 

Bereits im Jahr 1906 hatten die Gemeinden Schiffbek und Billwärder auf gemeinsame Kosten auf Höhe des Schiffbeker Lösch- und Ladeplatzes eine zusätzliche Fußgängerbrücke über die Bille geschlagen, da viele Arbeiter der Billbrooker Fabriken sich in Schiffbek angesiedelt hatten. Zwischen 1880 und 1910 wandelte sich dieses von einer dörflichen Ortschaft mit knapp tausend Einwohnern zu einem ausgeprägten Arbeiterquartier mit annähernd zehntausend Bewohnern. Mehr als drei Viertel sollen ungelernte Fabrikarbeiter gewesen sein. Viele von Ihnen stammten aus Osteuropa, insbesondere aus Böhmen und Galizien.

 

Von den Billbrooker Betrieben gingen zum Teil massive Umweltbelastungen aus. Am gravierendsten waren die Ausdünstungen der Zinkhütte. Sie ließen die Vegetation am Schiffbeker Geesthang weitgehend absterben und schädigten massiv die Gesundheit der Bewohner. Giftige Einleitungen der chemischen Betriebe verursachten wiederholt große Fischsterben. Daneben finden sich aber auch immer wieder Klagen über die Abgase des Metallwalzwerks, die gesundheitsschädlichen Ausdünstungen einer Korksteinfabrik und die üblen Gerüche, die von einer tranverarbeitenden Fabrik ausgingen.

 

Im Jahr 1939 wurden in Billbrook 8088 Industriearbeitsplätze gezählt, und auch im Jahr 1954 betrug diese Zahl noch 7650. In der Folgezeit wurde dann allerdings der Großteil der alten Industriebetriebe in Billbrook nach und nach geschlossen. Zugleich entstanden ab 1945 auf den weitläufigen Freiflächen große Siedlungen mit Behelfsheimen, die erst Ende der 1960er Jahre aufgelöst wurden. Noch im Jahr 1967 lebten dort etwa zehntausend Menschen. Heutzutage wird das Gebiet vor allem geprägt von Firmen der Logistikbranche sowie von Unternehmen, die mit Ver- und Entsorgung ihr Geld verdienen. Teils nutzen sie die noch erhaltenen alten Fabrikgebäude, teils stehen diese aber auch leer.

 

Beispielhaft lässt sich der Aufstieg und Niedergang der Billbrooker Industrie anhand des Unternehmens Morgenstern, Bigot & Co. nachzeichnen. Carl Bigot stammte aus einem französischen Adelsgeschlecht aus St. Quentin in Nordfrankreich. Seine Vorfahren siedelten von dort in den 1780er Jahren nach Wien über. Sein im Jahr 1774 geborener Großvater Francois Louis wurde dort Offizier im österreichischen Heer, heiratete im Jahr 1802 Elise Freiin von Ysselbach und starb im Jahr 1854 im Rang eines Feldmarschall-Leutnants, sein Vater Carl wurde im Jahr 1805 geboren, brachtet es bis zum  k. k. wirklichen Geheimen Rath und Kämmerer, General der Kavallerie und Inhaber eines k. k. Ulanen-Regiments, wurde mit unzähligen Orden ausgezeichnet, heiratete im Jahr 1851 Caroline Gräfin Lemberg, geb. Gräfin Sternberg, und wurde nach seinem Tod im Jahr 1884 im mährischen Kwassitz beigesetzt.

 

Carl Bigot jr. wurde im Juni 1841 in Ancona, das an der Adria liegt und damals noch zum Kirchstenstaat gehörte, geboren und absolvierte in den 1860er Jahren ein Chemiestudium, das er 1866 in Göttingen mit der Promotion abschloss. Nachdem er anschließend unter anderem in einem Labor in Berlin gearbeitet hatte, meldete er im Oktober 1869 in Hamburg, wo vier Jahre zuvor die Gewerbefreiheit eingeführt worden war, ein Gewerbe an. Im Januar des folgenden Jahres stieg er in das Unternehmen R. Schönfeld & Co ein, das in Steinwärder beim Elbhüttenwerk eine Fabrik chemisch-technischer Produkte betrieb und vor allem Borax und Borsäure herstellte. Gemeinsam mit Schönfeld, der Apotheker war, meldete er sich als Freiwilliger für den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, in dem er eine Schussverletzung am Becken erlitt, die ihn fortan zwang, am Stock zu gehen, da das eine Bein hierdurch ein wenig kürzer war. Bald nach der Rückkehr siedelten sie dann mit ihrer Fabrik in die Victoriastraße 7 in Hammerbrook um. Im Hamburger Adreßbuch ist sie dort erstmals im Jahr 1873 verzeichnet.

 

Im Jahr 1885 änderten sich die Eigentumsverhältnisse dahingehend, dass das Unternehmen nunmehr im Besitz von Dr. Carl Bigot, G.A. Schrader und G.J. Morgenstern war. Der Firmenname wurde in Morgenstern, Bigot & Co geändert. Zu diesem Zeitpunkt gehörte auch das Nachbargrundstück Victoriastraße 9 zum Unternehmen. Das Büro der Firma befand sich jetzt in der Kleinen Bäckerstraße, wo der Kaufmann Gustav Morgenstern auch schon vorher ansässig gewesen war. Weitere Räume besaß er in der Deichstraße 49. Gustav Schrader war seit den 1860er Jahren bis 1880 als Ingenieur in der Firma Timmermann & Co tätig gewesen, danach betrieb er in der Kirchenallee als Ingenieur und Architekt ein Büro. Seine Wohnung befand sich im Nagelweg 15 und damit in unmittelbarer Nähe zum neuen Standort der Fabrik.

 

Im Jahr 1889 siedelte das Unternehmen an den Billwärder Billdeich 91 über. Dieser Standort befand sich unmittelbar vor der Abzweigung des Unteren Landwegs in Richtung Moorfleet,  war der östlichste aller Fabriken am Billwärder Billdeich und wurde auch nicht in die späteren Aufhöhungsarbeiten der Hansestadt Hamburg einbezogen. Möglicherweise spielte es bei der Umsiedlung des Unternehmens eine Rolle, dass in den Jahren zuvor die Bille ausgebaut worden und nun bequem bis hierher schiffbar war.

 

Ein Jahr später war dann auch Dr. Carl Bigot am Billwärder Billdeich ansässig, und zwar in der Nummer 98b. Im Jahr 1896 folgte ihm Gustav Schrader, der sein Ingenieur- und Architekturbüro ein Jahr zuvor übergeben hatte und nun in den Billwärder Billdeich 92 zog. In den Jahren 1903 und 1906 fanden offensichtlich Erweiterungen der Fabrik statt, denn ihre Anschrift änderte sich zunächst auf die Hausnummer 90 und dann auf 89-92. Zugleich findet sich im Hamburger Adreßbuch aus dem Jahr 1906 erstmalig der Eintrag, dass der Eigentümer der Liegenschaften mit der Anschrift Billwärder Billdeich 89-92 im Haus mit der Nummer 90 wohnhaft ist. Möglicherweise war zu dieser Zeit Albert Bigot, der im Jahr 1874 geboren worden war und von 1900 bis 1905 in Zürich Chemie studierte, in das Unternehmen eingestiegen. Im Jahr 1908 heiratete er die damals 25jährige Gertrud Schröder, die aus Eppendorf stammte. Im folgenden Jahr wurde die Tochter Ruth geboren, 1910 und 1913 folgten die Töchter Gerda und Lotte, 1916 und 1923 die Söhne Werner und Horst.

 

Nach den zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorgenommenen Erweiterungen bestand der Betrieb aus einer Nikotinfabrik, einer Fabrik für Farben und Lacke sowie einer Arsenfabrik. Während sich die Nikotin- und Lackfabrik ebenso wie das Wohnhaus von Albert Bigot auf der südlichen Seite des Billwärder Billdeichs befanden, lagen die Arsenfabrik, das Gebäude der Expedition, der Bau mit der Dampfmaschine, die das Werk mit Strom versorgte, und der Trakt mit der Verwaltung unmittelbar an der Bille. Das eigentliche Büro des Unternehmens befand sich weiterhin in der Hamburger Innenstadt, nunmehr in der Straße Hüxter. Am Billwärder Billdeich wurden lediglich die Frachtpapiere bearbeitet. Zunächst wurden die in Fässern verpackten Waren mit einem Pferdewagen in den Hamburger Hafen transportiert, später verfügte das Unternehmen auch über einen eigenen Lastwagen. Die Einleitung arsenhaltiger Schwefelsäure, über die in dieser Zeit berichtet wird und die ein großes Fischsterben in der Bille verursachte, dürfte wohl diesem Werk zuzuordnen sein.

 

Die Zahl der Arbeiter und Angestellten soll sich in den besten Zeiten auf etwa 80 belaufen haben. Viele der Arbeitskräfte stammten aus Billwärder oder Schiffbek und blieben der Firma zum Teil über Jahrzehnte treu, einzelne waren mehr als vierzig Jahre für das Unternehmen tätig. Mitunter heuerten auch ihre Kinder bei der Fabrik an. Von der hohen Verbundenheit zeugt zudem, dass die Belegschaft oder einzelne ehemalige Arbeiter den Eigentümern zum Geburtstag Grußkarten schickten. Auf der anderen Seite gewährten die Firmeninhaber einzelnen Mitarbeitern sogar auch Darlehen für den Hausbau. Aus dem Jahr 1895 ist der folgende Zeitungsbericht überliefert: “Gestern feierte Herr Dr. Bigot, Seniorchef der Firma Morgenstern, Bigot & Comp., sein 25jähriges Geschäftsjubiläum. Alle Arbeiter der Fabrik hatten sich photographieren lassen und einige Deputierte überreichten dem Jubilar gestern Morgen das Bild und überbrachten die Glückwünsche der Arbeiter. Im Laufe des Tages trafen dann noch von den zahlreichen Freunden und Bekannten viele Gratulationen ein, und am Abend brachten ihm eine Musikcapelle, der Gesangverein der Fabrik und die Liedertafel ‘Einigkeit’ Ständchen. Herr Dr. Bigot sorgt mit warmen Herzen für das Wohl seiner Arbeiter und steht daher bei diesen sowohl als auch in der ganzen Gemeinde wegen seines liebenswürdigen Charakters in hohem Ansehen.” Anlässlich seines 50jährigen Geschäftsjubiläums heißt es dann über ihn: “Herr Dr. Bigot war von jeher eine stille und zurückhaltende Gelehrtennatur, er war seinem Personal immer ein Vorbild treuer Pflichterfüllung; stets nachsichtig gegen alle menschlichen Unzulänglichkeiten und mit warmem Herzen um das Wohlergehen des Einzelnen besorgt, hat er sich einen guten Stamm von alten Angestellten und Arbeitern herangezogen, (…). Außerhalb seiner Berufsarbeit het Herr Dr. Bigot seine Kräfte noch in den Dienst der Allgemeinheit gestellt, an die 30 Jahre hat er die Spartätigkeit gefördert durch die Errichtung und uneigennützige Führung des Abendbureaus der alten Hamburger Sparkasse. Als Mitglied von Bürgerverein und Gemeindevertretung hat er an allen Neueinrichtungen mitgearbeitet, insbesondere ist die Gemeindepflege sein Werk gewesen, er war Hauptgründer und bis vor kurzem ihr tätiges Vorstandsmitglied.”

 

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bescherte das Unternehmen seinen Besitzern einen beträchtlichen Wohlstand. Ablesen lässt sich dies beispielsweise an ein Postkartenalbum aus dem Besitz der Familie, das ihre Sommerreisen dokumentiert. Führten sie zunächst noch nach Berlin, Rügen, in den Harz und im Jahr 1900 zur Weltausstellung nach Paris, folgten später luxuriöse mehrwöchige Schiffsreisen nach Skandinavien mit Aufenthalten in Kopenhagen, Stockholm, Bergen und den Fjorden Norwegen sowie durch das Mittelmeer mit Stationen in Venedig, Dubrovnik, Corfu, Sizilien, Neapel, Genug, Cannes, Algerien, Marrokko und Lissabon. Außerdem erwarb die Familie Bigot damals einigen Immobilienbesitz, den sie dann allerdings nach dem Ersten Weltkrieg in der Zeit der Inflation veräußerte, um den Arbeitern weiterhin die Löhne zahlen zu können.

 

In diese Zeit fällt auch der Tod des Unternehmensgründers Dr. Carl Bigot im September 1922. Über seine Beisetzung auf dem Friedhof der Gemeinde Billwärder liest man: “Dann trugen unsern lieben Toten, wie er es so sehr gewünscht hatte, treue Arbeiter hinaus zum Friedhof und senkten ihn in seine letzte Ruhestätte. Eine weit über das gewöhnliche Maß zahlreiche Freundschaft aus Stadt und Land umstand schmerzlich bewegt das Grab, während der Geistliche segnend die Hände über unseren Toten erhob. Herzliche und mahnende Worte seines treuen Prokuristen, die ausklangen – ganz im Sinne des Entschlafenen – in die flehende Bitte: ‘Seid einig, einig, einig’, bildeten den Beschluß.”

 

Die Geschäfte führten zu dieser Zeit bereits seit sechs Jahren Albert Bigot und sein Schwager. Viel mehr ist aus den 1920er und 1930er Jahren nicht über das Unternehmen bekannt. Werner Bigot absolvierte in den 1930er Jahren eine Drogistenausbildung, erwarb im Jahr 1936 ein Zeugnis über die Befähigung zum Umgang und Handel mit Giften, wurde Mitglied der SA und fiel dann im Zweiten Weltkrieg im Juli 1941 am Beginn des Rußland-Feldzugs. Vermutlich daraufhin holte sich der mittlerweile 66jährige Albert Bigot mit dem Chemiker Schärfe einen weiteren Teilhaber in das Unternehmen. Knapp vier Jahre später, im Februar 1945, starb er dann selbst.

 

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war das Werk in keinem guten Zustand mehr. Es warf nur noch wenig Rendite ab, an vielen Stellen dampfte und tropfte es aus dem Mauerwerk. In den 1950er Jahren berichtete das Hamburger Abendblatt zudem über einen Brand in der Wismut-Produktion, für den von der Feuerwehr die Alarmstufe drei ausgelöst wurde und der erst nach etwa zwei Stunden gelöscht war. Für Investitionen fehlte jetzt das Geld, und nach dem Tod Werner Bigots mangelte es wohl auch an Visionen, wie es mit dem Familienunternehmen weitergehen sollte. Horst Bigot war noch zu jung und zog eine Beschäftigung bei Persil einem Einstieg in die Firma vor, Ruth, Gerda und Lotte Bigot sah sich der Aufgabe offensichtlich auch nicht gewachsen. So überließ man die Geschäftsführung weitgehend dem neuen Teilhaber Schärfe, wodurch zumindest zunächst die Arbeitsplätze der Belegschaft gesichert werden konnten. Einem Foto aus den 1950er Jahren zufolge belief sie sich auch damals noch auf etwa 50 Personen.

 

Auch wenn die Familie Bigot die Geschicke der Firma nun nicht mehr selbst lenkte, blieb sie den Mitarbeitern eng verbunden. So bemühten sie sich beispielsweise in der unmittelbaren Nachkriegszeit darum, Lebensmittel für die Belegschaft zu beschaffen. Und auch die Bewohner der Behelfsheime und Nissenhütten, die in dieser Zeit in der Nachbarschaft entstanden, versuchten sie mitzuversorgen.

 

Als Schärfe Ende der 1950er Jahren aus dem Unternehmen ausschied, um zur BASF zu wechseln – man munkelt, er habe auch einige Lizenzen mitgenommen – übernahm zunächst Horst Bigot, der mittlerweile in Hamburg für Persil arbeitete, die Fortführung des Geschäfts. Sein plötzlicher Tod im Jahr 1960 im Alter von nur 37 Jahren bedeutete dann das Ende für das Unternehmen. Ruth Bigot war bereits drei Jahre zuvor im Alter von 47 Jahren verstorben. Die Familie entschloss sich nun, das Werk zu liquidieren. Die insgesamt 18.416 qm großen Grundstücke wurden im Jahr 1965 für 650.000 Mark an die Stadt Hamburg verkauft. Aus dem Erlös konnte man die verbliebenen Verbindlichkeiten bedienen, mehr blieb kaum übrig.

 

Bereits kurze Zeit später ließ die Stadt Hamburg die Fabrikgebäude abreißen und den Boden auf den Grundstücken sanieren. Im Bereich der Nikotin- und Lackfabrik kam eine neue Maschine zum Einsatz, mit der die Schadstoffe aus dem Erdreich herausgewaschen werden konnten. Dort, wo die Arsenfabrik gestanden hatte, tauschte man den Boden bis zu einer Tiefe von 12 Metern aus. Ähnlich verhielt es sich vermutlich mit der Fläche am gegenüberliegenden Billufer, auf der das Unternehmen die Abfälle aus der Arsenproduktion abgeladen hatte. Möglicherweise landete all dieses Material auf der Hausmüll-, Brand- und Bauschuttdeponie, die von 1964 bis 1971 östlich der Autobahnauffahrt Billstedt betrieben wurde und die bereits Ende der 1970er Jahre aufwändig saniert werden musste, weil hier unter anderem etwa zehntausend Kubikmeter Erde eingebracht worden waren, die stark mit Arsen verseucht waren.

 

Viele Arbeiter waren bei Schließung des Werks bereits im fortgeschrittenen Alter. Einzelnen sollen später noch gegen die Familie wegen bei der Arbeit erlittener Gesundheitsschäden geklagt haben und im Rahmen von Vergleichen einvernehmlich abgefunden worden sein. Andere wechselten zum Werk der Firma Boehringer, das sich in der Andreas-Meyer-Straße am Südrand Billbrooks befand, in dem seit 1952 vor allem das Schädlingsbekämpfungsmittel Lindan hergestellt wurde und das in den 1980er Jahren einen der größten Umweltskandale der Hansestadt Hamburg verursachte: Sein etwa 85.000 Quadratmeter großes Werksgelände, aber auch zwei Deponien auf der Veddel und in Georgswerder waren massiv mit dem Ultragift Dioxin verseucht worden. Der Betrieb wurde daraufhin im Jahr 1984 auf Veranlassung der Behörden stillgelegt, und nachdem Versuche gescheitert waren, das belastete Erdreich in einer Hochtemperaturverbrennungsanlage zu entsorgen, entschloss man sich, das gesamte Areal bis zu einer Tiefe von 50 Metern mit einer 1200 Meter langen Betonwand abzuschotten und an der Oberfläche zu versiegeln. Viele der insgesamt etwa 1600 Arbeiter und Angestellten des Werks erkrankten an Krebs sowie an Nerven- und Nierenleiden; Mitte der 1990er Jahre waren bereits über einhundert von ihnen verstorben. Eine vor Kurzem entdeckte dramatische Verseuchung mit Dioxin auf einer Fläche am ehemaligen Haltepunkt Ohlenburg der Südstormarnschen Kreisbahn wird ebenfalls der Firma Boehringer zugeordnet.

 

Gleichfalls wegen Dioxinemissionen wurde Ende der 1980er Jahre in Billbrook auch die Firma Schumann & Romohr stillgelegt, die im Jahr 1976 von Eidelstedt hierher übergesiedelt war und in der alte Kabel verwertet wurden. Und schließlich wurden in dieser Zeit auf dem Gelände des ehemaligen Metallwalzwerks am Nordrand Billbrooks, wo gerade Hermes ein großes Verteillager errichtet, im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung zum Teil ganz erhebliche Belastungen des Bodens mit Schwermetallen ermittelt. Vermutlich könnte man aber auch noch auf vielen anderen Flächen in Billbrook bei der Suche nach Giftstoffen fündig werden.

 

 

 

 



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