29. Mai 1914: Die Straßenbahn kommt nach Schiffbek

Heutzutage ist es selbstverständlich, von Billstedt mit der U-Bahn in die Innenstadt oder aber mit dem Bus in Richtung Wandsbek, Bergedorf oder sonstwohin zu fahren. Mitunter verkehren die Linien im 5-Minutentakt oder sogar noch häufiger. Das war nicht immer so. Zwar nahm die Hamburger U-Bahn im Jahr 1912 ihren Betrieb auf, doch zunächst gab es lediglich den Innenstadtring sowie zwei Zweiglinien nach Eimsbüttel und nach Rothenburgsort. In Richtung des heutigen Billstedt, das erst 1927 durch den Zusammenschluss der Gemeinden Schiffbek, Kirchsteinbek und Öjendorf entstand und damals noch gar nicht zu Hamburg sondern zu Preußen gehörte, gab es lediglich eine Straßenbahnlinie, die am Letzten Heller in Horn endete. Wer bis dorthin nicht zu Fuß laufen oder das Fahrrad nehmen wollte, sofern er überhaupt eines besaß, konnte gegen ein kleines Entgelt einen Pferdeomnibus besteigen, der regelmäßig über Schiffbek bis nach Kirchsteinbek fuhr.

 
Wendekehre beim Chausseehaus

Dies änderte sich am 29. Mai 1914. An diesem Tag wurde feierlich der neue Streckenabschnitt vom Letzten Heller bis nach Schiffbek in Betrieb genommen. Nachdem die Straßenbahn, die als Linie 24 verkehrte, unter einigem Ächzen den Schiffbeker Berg an der Grenze zu Hamburg erklommen hatte, fuhr sie über die heutige Billstedter Hauptstraße bis zur Abzweigung der Möllner Landstraße. Dort umrundete sie das auf der Spitze gelegene Chausseehaus und kehrte auf der gleichen Strecke über Horn, das Berliner Tor, den Hauptbahnhof, die Mönckebergstraße und den Rathausmarkt bis zum Eppendorfer Markt zurück. Von morgens früh bis spät in die Nacht bestand nun alle 10 bis 20 Minuten eine bequeme Verbindung in die nahe Großstadt. Insbesondere für die zahlreichen Hafenarbeiter, die in Schiffbek wohnten, bedeutete dies eine erhebliche Erleichterung. In den Abendstunden waren die Zugführer auch gerne bereit, zwischen den Haltestellen zu stoppen und den Fahrgästen so den Heimweg zu verkürzen.

 
Lange Vorgeschichte

Schiffbeks Anbindung an die Hamburger Straßenbahn hatte eine lange Vorgeschichte. Bereits 1901 war sie der Gemeinde von der Hansestadt zugesagt worden. Doch dann war lange Zeit nichts mehr passiert. Erst im April 1913 konnte die Schiffbeker Verkehrskommission den Vertrag mit der Hamburger Baudeputation unterzeichnen. Hilfreich war ihr dabei, dass die Gemeinde ihre Abwässer zu der Zeit noch immer ungeklärt in die Bille einleitete und dadurch die Wasserqualität einer Badeanstalt, die Hamburg am gegenüberliegenden Ufer für die Arbeiter der zahlreichen Billbrooker Fabriken betrieb, erheblich beeinträchtigte. So hatte Hamburg ein Interesse daran, mit Schiffbeker ins Geschäft zu kommen, und die Gemeinde konnte ihrerseits ihr Anliegen platzieren. Tatsächlich sicherte sie in dem Vertrag zu, fünf Jahre nach Inbetriebnahme des Straßenbahnanschlusses die Abwässer vor der Einleitung in die Bille zu säubern. Infolge des Ersten Weltkriegs und der schwierigen Verhältnisse danach dauerte es mit der Schaffung eines Klärwerks dann jedoch deutlich länger: Erst Mitte der 1930er Jahre wurde es im Rahmen von Notstandsarbeiten angelegt.

 
Verlegung der Wendekehre

Bereits zu Beginn der 1920er Jahre war die Schiffbeker Straßenbahn durch Busverbindungen nach Wandsbek, Bergedorf, Glinde und Neuschönningstedt ergänzt worden, die zunächst von Privatunternehmern betrieben und dann vom Kreis Stormarn, zu dem Schiffbek und dann auch Billstedt gehörte, übernommen wurden. Ab 1927 steuerte nicht mehr die Linie 24, sondern die von Bahrenfeld kommende Linie 31 Schiffbek an. 1931 kam mit der Linie 16 eine weitere Straßenbahnverbindung hinzu, die über den Rathausmarkt nach Stellingen führte und 1937 bis zu Hagenbecks Tierpark verlängert wurde. Die schweren Luftangriffe auf Hamburg im Zweiten Weltkrieg brachten dann nicht nur den Straßenbahnverkehr vorübergehend zum Erliegen, sondern sie führten auch zu einer Veränderung der Streckenführung in Billstedt: Nach Beschädigungen durch Bombentreffer wurde die Wendekehre vom Chausseehaus zur Abzweigung des Schiffbeker Weges vorverlegt, womit man zugleich den Konflikt mit dem stark gestiegenen Autoverkehr entschärfen konnte.

 
Wartehäuschen und Fahrradständer

Nach Kriegsende blühte der Straßenbahnverkehr bald wieder auf. Nun fuhren auch die legendären Sambawagen, die ab 1940 erprobt worden waren, ihren Namen der weichen Federung verdankten und fortan das Bild der Hamburger Straßenbahn prägen sollten, bis nach Billstedt. Auf den durch die Verlagerung der Wendekehre neu geschaffenen Verkehrsinseln wurden neben eingeschossigen Pavillons mit Warteräumen und Schaltern für den Fahrkartenverkauf auch hübsche Grünanlagen angelegt. In einem überdachten und bewachten Unterstand konnte man gegen ein kleines Entgelt sein Fahrrad abstellen. Zwar wurde die Linie 16 1951 zur Horner Rennbahn umgelegt, doch ein Jahr später kam mit der Linie 7 eine weitere Verbindung hinzu, die ebenfalls von Altona nach Billstedt fuhr, statt über Landungsbrücken jedoch über die Reeperbahn. Im Jahr 1955 erreichte das Hamburger Straßenbahnnetz dann seine maximale Ausdehnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Linie 31 wurde jetzt bis nach Lurup verlängert und in Linie 1 umbenannt.

 
U-Bahn statt Straßenbahn

Doch schon wenig später begann der Stern der Straßenbahn zu sinken. 1958 beschloss der Hamburger Senat, den Straßenbahnbetrieb nach und nach stillzulegen. Stattdessen wollte man den Busverkehr sowie die U- und S-Bahnen deutlich weiter ausbauen. Für Schiffbek hatte man bereits in den 1920er Jahren die Anbindung an die U-Bahn projektiert und hierfür Flächen am Nordrand der Ortschaft vorgesehen. Als dann Ende der 1950er Jahre der Ausbau des U-Bahnnetzes in Angriff genommen wurde, musste Billstedt trotz massiver Proteste der inzwischen stark angewachsenen Bevölkerung hinter Wandsbek zurückstehen. So begann der Bau der Trasse nach Billstedt erst Mitte der 1960er Jahre.

 
Letzte Fahrt 1968

Als Ende September 1969 die U-Bahn-Haltestelle Billstedt gemeinsam mit dem ersten Bauabschnitt des neuen Einkaufszentrums, das heute als Billstedt Center weit über die Grenzen des Stadtteils hinaus bekannt ist, im Rahmen eines großen Festaktes eingeweiht wurde, lag die Einstellung der Straßenbahn nach Billstedt bereits ein Jahr zurück. Nachdem die Linie 7 schon am 27. Mai 1967 ihre letzte Fahrt gemacht hatte, endete der Betrieb der Linie 1 am 28. September 1968. Wenig später wurde der Billstedter Knoten, wie man die Abzweigung des Schiffbeker Wegs von der Billstedter Hauptstraße auch nennt, grundlegend umgestaltet. Der Schiffbeker Weg wurde nun auf vier Fahrspuren verbreitert und über die Moorfleeter Brücke nach Billbrook weitergeführt. Hierfür mussten sämtliche Bauten der Straßenbahn-Endhaltestelle sowie weite Teile der angrenzenden Bebauung weichen. So gibt es heute außer einigen Fotos nichts mehr, was an die einstmals für Billstedt so bedeutsame Straßenbahnanbindung erinnert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




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