Die Dampfkraft hält Einzug

Der Spökelberg

"Jetzt liegt auf dem Spökelberg ein behagliches Wohnhaus, ein Teil des Platzes, der seinem in alter Zeit würdig erfüllten Zwecke als strategisch fester Punkt nicht mehr genügen würde, dient jetzt durch die vorteilhafte, eine bequeme Verbindung zu Wasser und zu Lande gewährende Lage den Zwecken der modernen Zeit, der Industrie." Der Ort, von dem hier im Jahre 1883 die Rede ist, kann wohl als der geschichtsträchtigste Platz Schiffbeks angesehen werden. Es geht um den Geestsporn, der sich einige hundert Meter östlich der eigentlichen Ortschaft über die Einmündung des Schleemer Baches in die Bille erhebt. Vermutlich Anfang des 9. Jahrhunderts war an dieser Stelle ein palisadenbewehrter Wallring aufgeworfen worden, der zur Sicherung des Verkehrsweges dienen sollte, der vom gerade erst gegründeten Hamburg zu dem damals wichtigen Elbübergang bei Ertheneburg (nahe dem heutigen Lauenburg) führte und hier - wie die heutige Billstedter Hauptstraße - zur Niederung des Schleemer Baches abstieg. Drei Jahrhunderte später erfuhr dieser feste Platz dann eine Wiederbelebung durch Albrecht von Orlamünde aus dem Geschlecht der Askanier: Nachdem er vom dänischen König Waldemar II., der 1201 als Herzog von Schleswig den Schauenburgern ihre nördlich der Elbe gelegenen Besitzungen abgerungen hatte, zum Grafen von Holstein und Stormarn erhoben worden war, setzte er die Befestigungen der Spökelburg erneut in Stand. 1225 wurde sie durch Hamburger Truppen geschleift, die sich auf dem Rückweg von der Schlacht bei Mölln befanden, wo sie gemeinsam mit dem Schauenburger Adolf IV. die Rückeroberung seines Erblandes ins Werk gesetzt hatten. Eine so dicht vor den Toren der Heimatstadt gelegene Zwingburg mochte man doch nicht dulden. In den folgenden Jahrhunderten dürfte die Wallanlage dann immer wieder den Bauern der umliegenden Ortschaften als Fluchtpunkt gedient haben. Und schließlich erkannte der französische General Davoust im Jahre 1813 die günstige strategische Lage des Spökelbergs: Vorübergehend und letztenendes vergeblich brachte er hier eine Batterie in Stellung, um die vorrückenden Befreiungsarmeen aufzuhalten.

Die Landschaft Billwärder vor Beginn der Industrialisierung

Nicht die strategische Lage, sondern die malerische Aussicht wird dann 1865 Herrn L.G.C. Ullner dazu veranlaßt haben, sich auf dem Spökelberg das eingangs erwähnte "behagliche Wohnhaus" zu errichten, das noch heute dort steht. Zu seinem Fuße lag nämlich nicht nur die Bille, sondern auch die Landschaft Billwärder. Nachdem diese bereits 1395 unter die Herrschaft Hamburgs gekommen war, hatten sich hier ab dem 16. Jahrhundert wohlhabende Hamburger Familien herrschaftliche Häuser als Sommersitze erbaut. Vor allem ihre häufig mit Orangerien versehenen Gärten machten Billwärder weit über die Grenzen der Stadt hinaus berühmt. Zu den bekanntesten gehörte das spitzgiebelige und mit einer mächtigen Empfangshalle ausgestattete Patrizierhaus, das 1727 bei der Blauen Brücke errichtet worden war und sich Ende des 18. Jahrhunderts im Besitz des Kaufmanns und Senators Joachim Caspar Voght befand. Zur Roten Brücke hin lag der Schlütersche Garten, weiter stromabwärts hatten der Bürgermeister Martin Dorner und der Generalkonsul Schuback ihre Landsitze.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es dann bei den besseren Kreisen Hamburgs in Mode, an der Elbchaussee zu residieren, was zur Folge hatte, daß viele alte Herrenhäuser in Billwärder von ihren Besitzern verlassen wurden. Geschäftstüchtige Leute witterten nun ihre Chance, kauften einzelne dieser schönen Anlagen auf und richteten dort Ausflugslokale ein. Beispielsweise eröffnete der Gastwirt Tippenhauer um 1830 in dem ehemals Schlüterschen Garten den Schankbetrieb "Billwärderhude". Ein anderes bekanntes Gartenlokal war "Tweeles Landhaus", das sich in dem bei der Blauen Brücke gelegenen Patrizierhaus befand und unter dem Namen "Billwärder Park" noch bis ins 20. Jahrhundert betrieben wurde.
Ab 1868 versuchte auch die "Billwärder Dampfschiffs A.G." von dem regen Ausflugsverkehr zu profitieren. 1869 bediente ihr Dampfschiff "Billwärder" werktags vier- und sonntags fünfmal die Strecke von der an der Mündung der Bille gelegenen Brandshofer Schleuse bis zu "Tweeles Landhaus". 1871 lief eine Linie, die zunächst am Baum beim alten Deichtor und später von der Wandrahmbrücke startete, die zwei Jahre zuvor genehmigte Dampfschiffbrücke in Schiffbek an.

Fabrikansiedlungen am Nordufer der Bille

Schon bald nach seinem Umzug nach Schiffbek war es nicht mehr allein der Wohnsitz, der L.G.C. Ullner mit diesem Ort verband: Zunächst war er 1870 Teilhaber des Unternehmens Zipperling, Keßler & Co. geworden, das 1858 aus der 1811 in Hamburg gegründeten Firma Müller, Keßler & Co. hervorgegangen war und am Lübschen Baum sowie in Wandsbek Farbholzmühlen unterhielt. Die Farbhölzer wurden überwiegend aus Südamerika eingeführt und stellten bis zur Ablösung durch die Teerlacke einen wichtigen Grundstoff der Lackindustrie dar. Bald nach Ullners Einstieg in die Firma schieden dann seine beiden Partner aus, so daß er zum alleinigen Inhaber wurde. Nun expandierte er kräftig. Ein wichtiger Schritt war dabei die 1876 erfolgte Einrichtung einer weiteren Produktionsstätte am Fuße des Spökelbergs, direkt unterhalb seines Wohnhauses. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich dort noch die Reste eines Grabens befunden, der zu der Schanze der alten Burg gehört hatte. Die an seiner Stelle errichtete Farbholzmühle wurde von Anfang an mit Dampfkraft betrieben. Damals gab es in ganz Deutschland ungefähr 25 derartige Anlagen. Interessant ist in gewisser Weise, daß Ullner an eine alte Schiffbeker Gewerbetradition anknüpfte: Auch die Windmühle und eine der Wassermühlen in Oberschleems waren ja als Farbholzmühlen genutzt worden. Möglicherweise ist er also durch Geschäftsbeziehungen auf Schiffbek als Standort für sein Wohnhaus und dann auch für seine neue Fabrik aufmerksam geworden. Des weiteren liegt es nahe, daß er zumindest einige der 17 Arbeitskräfte, mit denen er hier die Produktion begann, von den anderen Betrieben abgeworben hat. Immerhin waren sie ja mit dem Werkstoff und dem Produktionsgang vertraut, wenn auch die Energiequelle für sie neu gewesen sein wird. Ullners Farbholzmühle war nämlich der erste Gewerbebetrieb Schiffbeks, in dem eine Dampfmaschine zum Einsatz kam. Zwar hatte der Ort schon 1868 mit der Krogmannschen Zigarrenfabrik eine "Fabrik" erhalten, doch dürfte hier noch Handarbeit geleistet worden und somit der Mensch sein eigener Taktgeber gewesen sein. Das wurde in den neuen, mit Dampfkraft betriebenen Fabriken anders. Besonders schön verdeutlicht dies das folgende Gedicht, das man der Werkssirene des zweiten Schiffbeker Industriebetriebs, der "Jute", widmete:


"Zuerst die Jute, ja Billstedts Jute,
Die mit Getute auf die Minute
Zehnmal des Tages die Zeit gibt an.
Man braucht kein Radio, braucht kein Chronometer,
Es horcht ein jeder - früher oder später,
Was in der Jute es geschlagen hat.
Wenn sie mal ruhte und nicht mehr tut'te,
Dann man nicht ruhte, bis das Getute
Von neuem laut tät fangen an!"


Die "Jute" war in den Jahren 1883/84 von der in Hamburg ansässigen "Norddeutschen Jute-Spinnerei und Weberei A.G." auf der ehemaligen Schweineweide der Gemeinde errichtet worden. Wie die Ullnersche Farbholzmühle befand sie sich abseits vom eigentlichen Dorf am Ufer der Bille. In einer zeitgenössischen Veröffentlichung des Architekten- und Ingenieurvereins zu Hamburg findet man sie wie folgt beschrieben: "Die Bauten sind durchweg nur eingeschossig, die großen Säle der Spinnerei und Weberei mit Sheddächern, das Kesselhaus, die Appretur und der Batschraum mit Bogendächern aus Holzlatten. Die Fußböden sind aus schweren Sandsteinplatten hergestellt. 4 Gallowaykessel zu je 120 qm Heizfläche und ein Economiser, Betriebsmaschine von 800 Pferdekräften mit Hanfseiltransmission. Schornstein 50 m hoch, 1,75 m Durchmesser. Dampfheizung in allen Räumen, Beleuchtung theils durch Oelgas, theils elektrisch."
Bei dem in der "Jute" verarbeiteten Rohstoff gleichen Namens handelte es sich um die Bastfaser verschiedener Cochorus-Arten. Sie wurde in Indien, Ostasien und Amerika angebaut und per Schiff in Ballen zu je 180 kg nach Europa transportiert. Da die Jutefasern sehr holzig sind, mußten sie erst für das Verspinnen vorbereitet werden. Zu diesem Zweck dienten die Quetsch- und Batschmaschinen, die sich im Arbeitsgang an den Ballenbrecher anschlossen. In ihnen wurde der Jute Öl zugesetzt, das sie geschmeidig machen sollte und das den für die Fabrik und ihre Produkte charakteristischen Geruch verursachte. Der Vorkrempel verdichtete die weich gemachten Fasern dann zu einem dünnen Gewebe, das anschließend in mehreren Arbeitsgängen zu einem festen Garn versponnen wurde. Die großen braunen Stoffbahnen, die man hieraus in der Weberei herstellte, wurden in der Appretur geschoren, mit einer Flüssigkeit bespritzt und durch eine Walzenanlage geführt. Dies diente dazu, ihnen Dichtigkeit zu verleihen. In der Näherei, die sich im ersten Stockwerk befand, schnitt man von den Gewebebögen einzelne Stücke ab, säumte diese und nähte sie zu Säcken zusammen. Nachdem sie im Nachbarraum von Hand oder aber mit einer Maschine mit einem Signum versehen worden waren, gelangten die fertigen Säcke schließlich über einen Fahrstuhl hinab in die ein Stockwerk tiefer gelegene Expedition, wo man jeweils 900 Stück mit einer hydraulischen Presse zu 9 Zentner schweren Ballen zusammenpreßte. Im Vollbetrieb vermochte das Werk, das 1890 über 5600 Spindeln, 304 Webstühle und 75 Dampfnähmaschinen verfügte, täglich etwa 30.000 Säcke, 40-45.000 Meter Gewebe und 22-25.000 Kilogramm Garn zu produzieren.


Bis über die im Jahre 1928 erfolgte Zusammenlegung Schiffbeks mit den Nachbargemeinden Kirchsteinbek und Öjendorf zu Billstedt hinaus war die "Jute" der dominierende Industriebetrieb des Ortes. Innegehabt hat sie diese Rolle von Anfang an: Die fünfhundert Arbeiter, mit denen bei ihr die Produktion aufgenommen worden war, hatten Schiffbek schlagartig zum Fabrikort gemacht. Und auch in der Folgezeit blieb sie der mit Abstand größte Arbeitsgeber der Gemeinde: 1890 zählte sie bereits eine Belegschaft von 1150 Personen. Bald nach der Jahrhundertwende kam sie gar auf 1500 Arbeiter.
Eine so große Anzahl von Arbeitskräften ließ sich unmöglich aus der Gemeinde selbst rekrutieren. Sie mußte herangezogen und untergebracht werden. Aus diesem Grund errichtete das Unternehmen eine Arbeiterkolonie, die oberhalb des Werkes auf dem Geestrücken und damit ebenfalls abseits vom eigentlichen Dorf lag. Im Jahre 1888 entstanden zwischen der Hamburgerstraße und der Möllnerlandstraße die "alten Spinnhäuser", 1891-1894 folgten nördlich der letzteren die "neuen Spinnhäuser", 1896 weiter östlich, an Lindenstraße, Mittelstraße und Ulmenweg, einige Wohnungen für die Werksmeister, und schließlich errichtete man im Jahre 1898 an der Südseite der Hamburgerstraße eine herrschaftliche Villa für den Direktor des Werkes. Bei den "alten Spinnhäuser" handelte es sich um zwei langgezogene einstöckige Zeilenbauten mit insgesamt 54 Wohnungen, bei den "neuen Spinnhäusern" um vier zweistöckige Blocks mit zusammen 112 Wohnungen. Die Wohnungen der ersteren verfügten neben der Küche über drei zu Teil winzige und im Dach untergebrachte Kammern, die Wohnungen der letzteren umfaßten Küche und ein bis drei weitere Zimmer. Des weiteren gehörte zu jeder Wohnung ein Hof und ein Garten mit Schweinestall, und schließlich kam bei den Wohnungen der "neuen Spinnhäuser" noch eine Veranda bzw. ein Balkon hinzu. Demgegenüber war die Ausstattung der Werkmeisterwohnungen um einiges großzügiger: Bei ihnen handelte es sich um zweistöckige Einzelhäuser mit Küche, vier bis sechs Zimmern und einem kleinen Grundstück. Allerdings hatte dies auch seinen Preis: Während die Miete in den Spinnhäusern 2-3 Mark betrug, mußten für die Werkmeisterwohnungen 8 Mark entrichtet werden.


1889 hatte der Betreiber der "Jute" zudem ein großräumiges zweistöckiges Gebäude geschaffen, das den "alten Spinnhäuser" an der Hamburgerstraße vorgelagert war und als Kindergarten und Warteschule dienen sollte. Diese Einrichtungen zielten vor allem darauf, Frauen und Kinder als Arbeitskräfte zu gewinnen. Einerseits verfügten sie über eine größere Fingergeschicklichkeit, die insbesondere bei der Bedienung der Webstühle erforderlich war. Doch vor allem waren sie besonders billige Arbeitskräfte. Dies wird noch an einem Tarif deutlich, den die Fabrikleitung ihren Arbeitern Ende 1923 anbot: Handwerker sollten 36 Pf., Männer 30 Pf., Frauen 17 Pf. und Jugendliche 6 Pf. pro Stunde erhalten.
Den Frauen wollte man durch den Kindergarten, der auch eine Bewahranstalt für Kinder unter 2 Jahren einschloß, und die Warteschule die Möglichkeit bieten, sich der Sorge um den Nachwuchs zu entledigen; die Kinder und Jugendlichen band man durch diese Einrichtungen frühzeitig an das Unternehmen. Allerdings wurde diesem Ansinnen der Firmenleitung schon 1892 durch das Verbot der Beschäftigung von Kindern unter 12 Jahren in Fabriken in Preußen in gewissem Maße Einhalt geboten. Im Jahre 1907 kam die Fabrikleitung den Frauen dann dadurch entgegen, daß sie ihnen Teilzeitarbeit bei freier Zeiteinteilung und Akkordlohn anbot. Und tatsächlich war der Anteil der bei der "Jute" beschäftigten Frauen immer sehr hoch: Im August 1913 zählte das Unternehmen beispielsweise 948 "weibliche Arbeiter". Das entsprach 63 % der gesamten Belegschaft und zugleich 76 % aller im Kreis Stormarn in der Industrie tätigen Frauen.
Bis 1895 hatte der Betreiber der "Jute" für den Kauf der Grundstücke, für die Errichtung und Ausrüstung der Fabrik und für die Anlage der Arbeiterkolonie insgesamt Ausgaben von 2,2 Millionen Mark getätigt. Das war ein Betrag, den ein einzelner seinerzeit kaum aufbringen konnte. Deshalb hatte man sich, wie das Kürzel "A.G." im Firmennamen verrät, der Unternehmensform bedient, die in Deutschland erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts beim Eisenbahnbau Bedeutung erlangt hatte: Der Aktiengesellschaft. Durch den Kauf von Aktien erwarb man die Teilhaberschaft an dem Unternehmen, dessen Politik man entsprechend der Größe des eigenen Aktienpakets mitbestimmen konnte und an dessen Gewinnen man durch die Ausschüttung von Dividenden partizipierte. Zugleich trug man aber auch das Risiko des Unternehmens mit. Darüber hinaus wurden die Aktien zu Objekten, mit denen man an der Börse spekulieren konnte. Von beiden Entwicklungen, der immer stärkeren Verbreitung dieser neuen Unternehmensform und der Spekulation mit Aktien an der Börse, profitierten vor allem die Banken, die in dieser Zeit stark aufblühten.


Farbholzmühle und "Jute" sollten nicht die einzigen Schiffbeker Industriebetriebe bleiben. In der Folgezeit siedelten sich in der Billstraße die Chemische Fabrik E.B.U. Jahncke und an der Hornerstraße eine Gummifabrik und eine Seilerei an. 1902 kam am Rothenbrückenweg das Sägewerk von Heinrich Freudenberg hinzu, 1903 nahmen die in Hamburg ansässigen Herren Jencquel & Hayn ihr zwischen Farbholzmühle und "Jute" gelegenes Kieselguhrwerk in Betrieb, und 1904 eröffnete das Unternehmen J. Schlickum & Co. in den Räumen der mittlerweile eingegangenen Gummifabrik die "Wachs- und Ceresinwerke zu Hamburg".
Den vorläufigen Abschluß dieser Entwicklung bildete dann die Errichtung einer Fabrik für Eisenkonstruktionen an der Hornerstraße durch das Unternehmen H.C.E. Eggers in den Jahren 1908/09. Diese Firma war 1865 als Geldschrankfabrik gegründet worden und hatte nebenbei Kunstschmiedearbeiten und Feineisenkonstruktionen hergestellt. Als die am Rödingsmarkt gelegenen Räumlichkeiten nicht mehr ausreichten, hatte man zunächst 1890 in Eilbek einen umfangreichen Neubau geschaffen, der auch eine Werkstatt für gröbere Eisenkonstruktionen beheimatete. In der in Schiffbek errichteten Anlage wollte das Unternehmen, das 1904 in eine GmbH umgewandelt worden war, nun Konstruktionen für den Eisenhochbau und den Brückenbau fertigen. Unter anderem wurden hier die Fahrgerüste, Förderkörbe und Torverschlüsse des alten Elbtunnels und Bauteile für die große Luftschiffhalle des Flughafens Fuhlsbüttel hergestellt. Beim Abtransport der fertigen Konstruktionen dürfte der Bille, an die das Fabrikgrundstück grenzte, eine zentrale Rolle zugekommen sein. Das Jahreserzeugnis belief sich auf 10-12.000 t, die Arbeiterzahl betrug 1914 etwa 500.
Eine ähnliche, wenn auch nicht annähernd so dramatische Entwicklung hatte die Tischlerei genommen, die 1871 an der Straße "Hamburger Grenze" durch J.A. Juppenlatz eröffnet worden war. Aus den kleinsten Anfängen hatte er sie zu einer "bedeutenden, mit den neusten maschinellen Einrichtungen versehenen Möbelfabrik" ausgebaut. Und auch andere Schiffbeker Betriebe hatten kräftig expandiert: Die Chemische Fabrik Jahncke erwarb 1905 am Öjendorfer Weg die Räumlichkeiten einer ehemaligen Schweinemästerei. Die Ullnersche Farbholzmühle, bei der 1905 bereits 70-80 Arbeiter beschäftigt waren, wurde fünf Jahre später um eine Schellackfabrik erweitert.
Dagegen hatte die Guhrolitfabrik von Jencquel und Hayn unter keinem guten Stern gestanden. Nachdem hier in den vorherigen Jahren schon mehrfach der Betrieb geruht hatte, war sie 1909 einem Großfeuer zum Opfer gefallen. Ihre Überreste hatte daraufhin die "Jute" übernommen. Als weiterer Abgang waren die Wachs- und Ceresinwerke von J. Schlickum & Co. zu verzeichnen. Sie gaben im Jahre 1911 ihre Produktionsstätte an der Hornerstraße zugunsten eines anderen Standorts auf.


Weitere industrielle Großbetriebe waren nördlich der Bille in Kirchsteinbek und in der Horner Marsch entstanden. Während hier in unmittelbarer Nähe der Blauen Brücke von der Firma Oberländer eine weitere Farbholzmühle errichtet worden war, hatte Kirchsteinbek 1883 durch das Unternehmen Klappenbach & Hachmeister eine moderne Brauerei erhalten, die später in den Besitz der Holstenbrauerei überging. Im Jahre 1890 wurde dann auch die acht Jahre zuvor gegründete "Actien-Gesellschaft Eiswerke Hamburg" in Kirchsteinbek aktiv: Nachdem sie auf dem Gelände des ehemaligen Steinbeker Vorwerks ein 25 ha großes Wiesenterrain erworben hatte, deichte sie dieses Areal ein und versah es mit einem Zufluß von der Glinder Au. Das Eis, das sich hier im Winter bildete, wurde blockweise ausgesägt und in dem mit Strohballen isolierten Holzschuppen am Ufer der Bille, im Steinbeker Eiskeller oder aber in den Räumen der am Hammerdeich 198 gelegenen Kunsteisfabrik eingelagert. Des weiteren läßt sich für den Ort im Jahre 1903 eine Ziegelei nachweisen. 1905 kam ein Kalksandsteinwerk hinzu, das durch das in Hamburg ansässige Unternehmen Steffen & Co. betrieben wurde. 1907 eröffnete hier die Marmorwarenfabrik Eggers ihre Pforten. Und schließlich baute man bald nach der Wende zum 20. Jahrhundert in den Boberger Dünen in großem Umfange Sand ab, der unter anderem beim Bau des Hamburger Hauptbahnhofs verwandt wurde.
 



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