Deportationen nach Riga am 6. Dezember 1941

 

Dieser Transport am Nikolaustag 1941 sollte eigentlich nach Minsk in das dortige Ghetto gehen, wo sich bereits 1375 Hamburger Juden, darunter 25 aus Hamm, befanden. Aber das Ghetto war überfüllt, und angesichts der Kriegsentwicklung in Russland – Winterkatastrophe und sich anbahnende Niederlage vor Moskau – legte die Wehrmacht Widerspruch gegen die Verlegung von weiteren vielleicht 50 000 Juden aus dem Reichsgebiet dorthin ein. Aber die Maschinerie war angelaufen, und so wurde als Ausweichort das Ghetto in Riga in Lettland genommen, weil von dort die Meldung kam, dass es Platz gäbe. Der musste aber erst noch geschaffen werden. Das Ghetto war von lettischen Juden überfüllt, und die angebotenen angeblichen Kasernen gab es nicht.

 

Als die ersten 5 Transporte von deutschen Juden nach Riga unterwegs waren – keiner aus Hamburg dabei -, wurden sie deshalb auf Umwegen nach Kowno/Kaunas in Litauen umgeleitet. Die 5000 Deportierten wurden an zwei Tagen jeweils kurz nach der Ankunft in Kaunas erschossen. Das waren die ersten Massenerschießungen deutscher Juden.

 

Zurück nach Riga. Um Platz zu schaffen, wurden auf Befehl des HSSPF Ostland, Friedrich Jeckeln, am Rigaer Blutsonntag, dem 30.11., und am 8./9. Dez. 26 500 lettische Juden aus dem Ghetto getrieben und im Wald von Rumbula von SS- und Polizeiangehörigen und lettischen Hilfswilligen ermordet. Als die Erschießungen begannen, waren schon 730 Berliner Juden erschossen worden, die mit dem ersten Transport aus dem Reichsgebiet zu dem Zeitpunkt angekommen waren, als man noch nicht wusste, wohin mit ihnen.

 

Lettische Juden machten deutschen Juden im Ghetto Platz, aber der war bei weitem nicht ausreichend für die geplanten Zehntausende, die umgesiedelt werden sollten. Der Führer der Einsatzgruppe A, Dr. Stahlecker, hatte nach Berlin ein verfügbares Kasernengelände gemeldet, das es aber nicht gab. Tatsächlich handelte es sich dabei um ein heruntergekommenes Gut, den „Jungfernhof“. In den Scheunen und Viehställen bauten lettische Juden aus dem Ghetto enge Pritschen. Stahlecker meldete auch ein Polizeihaftlager als Unterkunft; das wünschte er sich zwar, aber es existierte noch nicht. Häftlinge aus dem Ghetto bauten es auf; es hieß Salaspils.

 

So sah es in und um Riga aus, als die Transportliste für die Deportationen am 6.12.1941 zusammengestellt wurde. Während die Reichsbahn für die ersten Deportationen noch Personenwagen bereitstellte, waren es jetzt nur unheizbare Güterwagen. Deshalb starben unterwegs schon etliche Personen. Die anderen sollten nach ihrer Ankunft am Güterbahnhof in Riga zu Fuß nach Jungfernhof gehen. Wer das nicht konnte, wurde auf einen LKW geladen – und nie wieder gesehen. Im Lager jungfernhof dauerte es Tage und Wochen, bis die ohnehin nicht ausreichende Ernährung gesichert war. Kälte, Hunger, unbehandelte Krankheiten und der seelische Schock hatten eine hohe Todesrate zur Folge. Ob Paula, Simon, Felicia und Manfred Laser das Lager überhaupt lebend überstanden haben, lässt sich nicht mehr feststellen.

 

Unter den 753 Deportierten waren auch der damalige Oberrabiner Dr. Joseph Carlebach (geb. 30.1.1883 in Lübeck), 58 Jahre alt, mit seiner Frau, drei Töchtern und einem Sohn. So wie er noch in Hamburg sehr vielen Bedrängten helfen und sie trösten konnte, tat er es auch in Jungfernhof und trug dadurch zu deren Überleben bei.

 

Im Februar und März 1942 fanden Selektionen statt. Unter dem Vorwand, dass beinahe 3000 nicht mehr Arbeitsfähige in einer Fischkonservenfabrik in Dünamünde eine leichtere Arbeit bekommen würden, wurden sie in LKWs verladen und entweder darin durch die Abgase umgebracht und im Bikenieker Wald begraben oder dort direkt ermordet. Unter ihnen waren bei der Tötungsaktion am 26.3.1942 das Ehepaar Carlebach und die drei Töchter; der Sohn überlebte.

 

Wenn Manfred Laser bis zu jenem Zeitpunkt überlebt haben sollte, dann steigerte sich sein Elend noch, indem er in das neue KZ Kaiserwald in einem Rigaer Vorort überführt wurde, wo reine Willkür herrschte und in einer „Kinderaktion“ die letzten noch lebenden Kinder ermordet wurden.

 

Dieser Transport bedeutete in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur. Einmal war mit ihm ungefähr die Hälfte der noch in Hamburg lebenden Juden in den Osten deportiert, zum anderen waren die Illusion einer Umsiedlung mit einer neuen Perspektive, der Glaube an einen Arbeitseinsatz zum Aufbau der neu besetzten Ostgebiete, die Hoffnung auf eine neue Existenz nach der Evakuierung verflogen. Weil fast alle Deportierten unter 60 Jahre alt waren, hatten die in Hamburg Verbliebenen noch geglaubt, dass sie tatsächlich für die Aufbauarbeiten in den besetzten Ostgebieten eingesetzt würden. Als dann aber nach den Postkarten, die noch in den Zügen geschrieben worden waren, keine Lebenszeichen mehr kamen, wuchsen die Zweifel. Auch als sich herumsprach, dass die von der jüdischen Gemeinde bereitgestellten Lebensmittel und Medikamente und komplette Großküchen – ganze Güterwagenladungen – z.T. gar nicht mitgekommen waren, die sorgfältig gepackten und beschrifteten Gepäckstücke gefleddert wurden, wuchsen Angst und Verzweiflung angesichts weiterer drohender „Umsiedlungen“.

 

(die Informationen wurden uns freundlicherweise von Hildegard Thevs zur Verfügung gestellt)

 




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